Förderung

Eine ganze große Freundschaft

Eine Physiotherapeutin hat alles getan, um ihre neue Praxis in Staßfurt den Bedürfnissen ihrer kleinwüchsigen Mitarbeiterin anzupassen.

Staßfurt l „Meine Kleine“, sagt Sandy Wehrstedt. „Kleine“ bedeutet hier aber nicht kleinwüchsig, sondern einfach nur jung. In der neuen Physiotherapiepraxis in der Langen Straße wird entspannt mit dem Thema Behinderung umgegangen. Am 4. Januar machte sich die 39-jährige Physiotherapeutin selbständig, nachdem sie seit 2006 in Staßfurt in dem Beruf angestellt tätig war. „Auf Saskia bin ich gekommen, weil sie meine Patientin war. Sie hatte ihre Ausbildung abgeschlossen, aber war nirgendwo untergekommen.“ 2018 bis 2020 lernten sich beide kennen und eine große Freundschaft begann.

Saskia Aue ist heute 22 Jahre alt und wohnt in Staßfurt bei ihren Eltern. Ihr Behinderungsgrad beträgt 100 Prozent und sie braucht im Alltag immer eine Begleitperson. Der Kleinwuchs geht mit verkürzten Armen, einer gekrümmten Wirbelsäule und Fehlstellungen der Gelenke einher. Saskia ist 1,04 Meter groß.

„Du Große“, gibt Saskia auf Sandys „Meine Kleine“ zurück. Sie strahlt bis über beide Ohren, wenn sie über ihre neue Arbeitsstelle spricht. „Ich habe eine Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin in Bernburg gemacht und mich danach beworben. Es kamen immer nur Absagen, ich wusste nicht weiter“, erzählt Saskia. „Nicht zu arbeiten kam für mich nicht in Frage.“

Saskias Leben war gezeichnet durch mehrere Operationen und Zeiten am Beatmungsgerät. „Schon in der Grundschule gab es Mobbing. Ich war immer außen vor, durfte nirgendwo mit hin und war nur Ballast für alle“, sagt Saskia. Freunde waren immer rar. Eine schwere Zeit war die Jugend: „Ich habe versucht, mich ins Lernen zu flüchten.“

Dazu waren ihre körperlichen Fähigkeiten bis vor einigen Jahren viel schlechter als heute. Saskia konnte kaum laufen. Durch die Physiotherapie wurden Bewegungsabläufe trainiert und Fehlstellungen korrigiert. Sandy Wehrstedt behandelt auch speziell Menschen mit Behinderungen. In Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten kann sie auf körperliche Besonderheiten solcher Patienten eingehen. Heute kann Saskia einige Schritte allein gehen.

Der Physiotherapeutin war es ein Anliegen, Saskias Selbstbewusstsein aufzubauen. „Du bist ein ganz normaler Mensch wie jeder andere“, sagte sie ihr immer.

Dann fasste Sandy Wehrstedt den Entschluss, ihre neue eigene Physiotherapiepraxis „Saskia-gerecht“ bauen zu lassen. Mit einem Sanitätshaus wurde eine Rampe am Eingang geschaffen, den Saskia mit ihrem E-Rollstuhl befahren kann. Einen Behindertenparkplatz vor der Praxis hat die Stadt geschaffen. Das Arbeitsamt hat Tresen, Schreibtisch, PC, Fußbänke und einen speziellen Stuhl gefördert. Das Telefon bedient Saskia über ein Headset. Die Regale für Büromaterial und Akten sind auf niedriger Höhe. Weil Saskia den Patienten keine Formulare über den Tresen reichen kann, gibt es statt einer Plexiglasscheibe ein Visier.

„Natürlich bedeutet das Aufwand, man muss Gespräche führen, sich informieren, Anträge ausfüllen und zu Behörden gehen“, sagt Sandy Wehrstedt. Auch im Arbeitsalltag muss sie Saskia Dinge reichen und helfen. Aber das tut sie gern und sie schreckt nicht vor Mehrarbeit zurück. „Viele sehen nur die eigene Belastung. Aber gerade den Menschen, die ihr Leben lang Probleme hatten, sollte man eine Chance geben“, sagt Sandy Wehrstedt. Aufgeben kommt für beide nicht in Frage. „Ich will so viel wie möglich selbst machen“, meint Saskia.

Die neue Anstellung ist für Saskia nicht nur ein Job. Für sie ist es Selbstverwirklichung, als ganz normaler Mensch etwas zu leisten und ein wertvoller Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Saskia übernimmt am Empfang der Praxis Terminvergabe, Telefondienst, Rezepte, Akten und Patientenbetreuung. Sozialversichungspflichtig und erstmal 25 Stunden die Woche. Die Patienten scherzen schon mit ihr. Der Terminkalender der neuen Praxis wird immer voller, eine zweite Therapeutin muss gesucht werden.

Von Sandy Wehrstedt wird Saskia aber auch nicht verhätschelt: Fördern und fordern ist die Devise. Je mehr Saskia trainiert, desto agiler wird sie. Es gibt auch mal „Feuer“, lacht die Physiotherapeutin.

Saskia ist sehr stolz, dass sie in der Praxis als „normale“ Person anerkannt wird, eine Aufgabe hat und ihr eigenes Geld verdient. Jeden Tag kommt sie mit einem Lachen auf Arbeit. „Ich bin so schon auf die Hilfe meiner Eltern angewiesen. Dann möchte ich wenigstens finanziell niemandem auf der Tasche liegen“, sagt sie. Und als junge Frau, die jetzt erst richtig aufblüht, möchte sie sich auch mal etwas leisten. Größter Traum ist eine Reise nach London. Denn Saskia ist begeistert vom englischen Königshaus.