Wirtschaft

Hängepartie ohne Aussicht

Die Zukunft des Real-Marktes in Staßfurt ist nach dem Übernahmeverbot für Edeka ungewiss

Von Enrico Joo
Das Bundeskartellamt hat entschieden, dass Edeka den Real-Markt in Staßfurt nicht übernehmen darf. Darüber hinaus ist ungeklärt, welcher Lebensmittelhändler nun in Frage kommen könnte.

Staßfurt

Corona hat viele Verlierer und nur wenige Gewinner. Zu den wenigen Gewinnern der gesellschaftlichen Krise gehören vor allem die Lebensmittelhändler. Eingekauft wird immer. Die Supermärkte sind voll. Auch der Real-Markt in Staßfurt ist so gut wie immer voller Kunden. Natürlich. Er ist ja auch der einzige Großmarkt in Leopoldshall.

Ohne Real geht es eigentlich nicht. Trotzdem bangen die 84 Mitarbeiter in Staßfurt mehr denn je um ihren Arbeitsplatz. Das Bundeskartellamt hatte vor gut zwei Wochen mitgeteilt, dass Edeka den Markt neben 20 weiteren Filialen nicht übernehmen darf (Volksstimme berichtete). Das Bundeskartellamt führte in seiner Begründung „wettbewerbliche Bedenken“ an. Es hat Sorgen, dass die Marktmacht zu groß wird.

Wie geht es weiter? Kann Edeka die Entscheidung anfechten? „Wie in jedem anderen Verfahren dieser Art auch, haben Beteiligte die Möglichkeit, gegen eine Entscheidung Rechtsmittel einzulegen“, teilt Severin Frank mit, Pressesprecher beim Bundeskartellamt. Wenn es zu einem Rechtsstreit kommt, kann dieser lange dauern. So wie bei Kaiser’s Tengelmann. Der Verkauf der Supermarktkette zog sich über zwei Jahre hin.

Die Volksstimme fragte auch bei Edeka nach, ob der Konzern sich gegen die Entscheidung wehrt. Auf diese Frage antwortete das Unternehmen nicht. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht im Detail zur Entwicklung einzelner Standorte äußern können“, heißt es.

Kaufland, Globus oder Rewe?

Edeka freut sich aber über die Entscheidung, 51 von 72 angemeldeten Märkten übernehmen zu dürfen, sechs davon mit Auflagen: „Wir begrüßen diese Entscheidung des Kartellamts. Unter dem Dach des genossenschaftlichen Edeka-Verbunds erhalten die Lebensmittelmärkte und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder eine tragfähige wirtschaftliche Zukunftsperspektive“, so Edeka-Pressesprecherin Stefanie Adler.

Gibt es weitere Interessenten für den Staßfurter Markt? Das Bundeskartellamt kann dazu keine Auskunft geben und verweist auf die Interessenten. Möglicherweise dauert es noch Jahre. Klar ist: Die Hängepartie geht weiter. Kaufland hatte bundesweit bereits grünes Licht für 92 Filialen von Real bekommen. An Globus gehen 24 Filialen von Real. Kaufland gibt es bereits in Staßfurt, Globus ist in der Region nicht aktiv. Auch Rewe wurde Interesse an 18 Märkten nachgesagt. Eine offizielle Stellungnahme vom Bundeskartellamt gibt es dazu nicht.

Verdi fordert schnelle Klarheit

Die Gewerkschaft Verdi kritisiert die Hängepartie bei Real. Die Supermarktkette Real wurde vom Mutterkonzern Metro Anfang 2020 an den russischen Investor SCP verkauft und soll nun weiter zerschlagen werden. „Das ist eine Quälerei, die man den Leuten antut. Dabei laufen die Real-Märkte in Corona-Zeiten wie geschmiert, vor allem wegen der Non-Food-Artikel“, sagt Jörg Lauenroth-Mago, Verdi-Landesbezirksfachleiter für den Handelsbereich. „Die Hängepartie ist gruslig, wobei man dem Besitzer keinen Vorwurf machen kann. Es braucht ein Bekenntnis für die Standorte. Auch in Staßfurt. Wir fordern möglichst schnelle Klarheit.“

Lauenroth-Mago hat Respekt für die Real-Mitarbeiter. „Hut ab vor den Beschäftigten, die trotzdem ihren Job machen“, sagt er und appelliert an Inhaber SCP: „Es gab die Zusage, dass die Standorte weiter betrieben werden. Die klare Aussage fehlt allerdings.“

Dabei steht der Real-Markt in Staßfurt laut Geschäftsleiterin Doreen Albrecht nicht vor einer Schließung. „Darüber hinaus habe ich auch keine Informationen. Wir müssen die nächsten Wochen abwarten“, sagt sie.

Ist Rewe ein Kandidat? Da hätte Jörg Lauenroth-Mago wie auch bei der vorher geplanten Übernahme von Edeka Bedenken. „Bei beiden Unternehmen haben wir die Sorge vor einer schnellen Privatisierung. Ein Bekenntnis zum Tarifvertrag fehlt. Gerade viele private Edeka-Händler sind nicht tarifgebunden. Da werden Arbeitszeiten reduziert, es werden sogenannte graue Überstunden gemacht, die nicht angerechnet werden“, sagt er. Kaufland habe sich hingegen bei der bestätigten Übernahme von 92 Real-Filialen zum Tarifvertrag bekannt.

Stadt macht sich stark beim Bundeskartellamt

Bei der Stadt Staßfurt ist bekannt, dass Edeka den Real-Markt in Staßfurt nicht übernehmen darf. „Der Oberbürgermeister und die Wirtschaftsförderung stehen seit jeher regelmäßig im Austausch mit der Leiterin des Real-Marktes in Staßfurt. Die aktuelle Aussage des Bundeskartellamtes wurde der Stadt Staßfurt durch die Marktleitung bestätigt. Wir konnten darüber hinaus erfahren, dass der Real-Markt in seiner jetzigen Form erst einmal so weitergeführt wird“, heißt es aus dem Büro des Oberbürgermeisters.

Die Stadt macht sich nun selbst für den Erhalt des Standorts in Staßfurt stark. „Der Oberbürgermeister und die Wirtschaftsförderung informieren das Bundeskartellamt nunmehr schriftlich über die Wichtigkeit der Erhaltung dieses Standortes für die Stadt Staßfurt“, teilt die Stadt mit.

Staßfurts OB Sven Wagner (SPD) bedauert, dass es durch die Absage für Edeka noch keine Klarheit für die zukünftige Entwicklung des Marktes gibt. „Es wäre selbstredend für alle Beteiligten (Mitarbeiter, Stadt, Bürger) beruhigender gewesen, bereits jetzt eine sichere Perspektive zu haben“, heißt es von der Stadt. „Allerdings sind Oberbürgermeister und Wirtschaftsförderung hinsichtlich des starken Standorts zuversichtlich, dass eine adäquate Alternative gefunden wird.“

Welche Alternative bevorzugt die Stadt? Rewe, Globus oder Kaufland? „An Mutmaßungen und Spekulationen möchten wir uns in der Hinsicht nicht beteiligen. Die Stadt Staßfurt ist in diesem Fall auch kein Entscheidungsträger.“