Staßfurt l Der Strahlemann geht den ganzen Raum ab, begrüßt jeden Besucher einzeln per Handschlag. Dazu schaut Jaime don Antonio jedem in die Augen, manchmal hält er sogar inne für ein kleines Gespräch. Manieren hat der Mann aus Mosambik. Zusammen mit Francisca Isidro und Arlindo Tualufo war don Antonio am Montagabend in den Räumlichkeiten der Staßfurter Urania zu Gast. Thema der Podiumsdiskussion: „Ausverkauf der Freundschaft? Ehemalige Schülerinnen und Schüler der Schule der Freundschaft in Staßfurt berichten“. Dazu eingeladen hatten die Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Kooperation mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen-Anhalt.

Alle drei Gäste aus Mosambik waren in den 1980er Jahren Schüler in Staßfurt und teilen ihr Schicksal. Denn obwohl die Mosambikaner in der DDR eine gute Ausbildung bekamen, die insgesamt sieben Jahre umfasste, ist kaum einer der ehemaligen Schüler glücklich geworden. Darüber berichtete das Trio auch in Staßfurt. Zerrissen zwischen zwei Welten trifft den Nagel dabei auf den Kopf. „Ich komme aus einer armen Gegend und wusste nicht, was die DDR ist. Ich hatte keine Ahnung. Ich habe es aber als Chance gesehen“, erzählt don Antonio. Meist kam der Schuldirektor auf die Kinder zu, die zwischen elf und 14 Jahre alt waren. Nachdem auch das Okay der Eltern eingeholt wurde, ging es für die Kinder in die DDR. „Ich habe es als Ehre gesehen, ins Ausland gehen zu dürfen“, sagt Arlindo Tualufo.

1981 wurde ein Vertrag zwischen der DDR und Mosambik unterzeichnet, der es Schülern des afrikanischen Landes ermöglichte, in der DDR zur Schule zu gehen und danach eine Ausbildung zu absolvieren. 1982 wurde die Schule der Freundschaft eröffnet. Bis 1989 gingen in der Bodestadt 900 Mosambikaner – davon 200 Mädchen – zur Schule.

Keine schlechte Zeit

Für alle war es ein Abenteuer. „Es war ein Traum. Alles war sauber, das habe ich nicht geglaubt“, so Francisca Isidro. Ein Bett für sich, Schuhe, Unterwäsche, alles war neu. Auch wenn es ein Kulturschock war, Heimweh schon am ersten Abend erfolgte und Kontakt mit der Familie in der Heimat nur per Post erfolgte: Eine schlechte Zeit hatten die Schüler in Staßfurt nicht. „Ich habe es als sehr positiv empfunden“, so Isidro. Und auch die Angst, die „weißen Deutschen würden Menschen essen“, wie es als Vorstellung im elfjährigen Kinderkopf vorherrschte, wurde freilich schnell genommen.

Doch was ist aus den Schülern geworden? Glücklich in der alten Heimat war nach der Rückkehr 1988 oder 1989 kaum jemand. Dass die Muttersprache verkümmert war, weil die Schüler in der DDR nur deutsch und portugiesisch sprachen, war nur das geringste Problem. „Gleich am zweiten Tag wurden wir zur Armee geholt und dort sehr schlecht behandelt, mit Stöckern geschlagen“, sagt Isidro. Auch die nun jungen Frauen mussten dabei zur Armee. „Es gab sofort eine Ohrfeige, dann wurde gesagt: Du hast in der DDR gut gelebt, jetzt bist du dran“, sagt auch don Antonio. Dazu sind die Zeugnisse und Abschlüsse aus der DDR in Mosambik bis heute nicht anerkannt. Gerade einmal ein halbes Jahr war don Antonio wieder in Mosambik, dann ging er im Sommer 1989 erneut nach Deutschland, diesmal als Vertragsarbeiter. 1992 bis 1995 ließ er sich in Berlin zum Krankenpfleger ausbilden, heute lebt er wieder in Staßfurt als Physiotherapeut.

Ähnlich erging es Tualufo, der nun in Berlin lebt. „Wir haben nicht ins System gepasst, wurden schikaniert“, erzählt er. Isidro ist in Mosambik geblieben, arbeitet als Leiterin in einem Studentenwohnheim. „Ich fühle mich in Mosambik aber nicht wohl“, sagt sie. „Ich identifiziere mich mehr mit Deutschland.“ Heimatlos, zerrissen, ruhelos. Das zeichnet eine Großzahl der früheren Schüler aus Mosambik aus.

Opfer des DDR-Staates

„Viele können mit der Geschichte nicht abschließen“, sagt Annette Berger, pädagogische Leiterin bei der Evangelischen Erwachsenenbildung. „Diese Gruppe von Menschen ist zwischen die Räder gekommen. Dieses Thema wollen wir wieder aufgreifen.“ Und mehr in den Fokus rücken. „Auch das sind Opfer des DDR-Staates“, ergänzt Sven Behrend, Referent der Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Auch deswegen fand vor einigen Wochen in Magdeburg eine Tagung mit 140 Teilnehmern statt. Das Interesse ist noch immer hoch. Der Termin in Staßfurt war kurzfristig, trotzdem kamen zwei Dutzend Interessierte zusammen. Darunter viele Lehrer der ehemaligen Schule der Freundschaft. „Es war bitter zu erfahren, was den Schülern in Mosambik passiert ist. Wir wollten nur helfen, damit die Schüler in ihrem Land etwas aufbauen können.“, sagt Sigrid Kullack, die in Staßfurt Deutsch unterrichtete. „Die Aufarbeitung ist nicht gelungen.“

Don Antonio ist heute glücklich in Staßfurt. „Ich habe gute Freunde, Familie, werde geschätzt“, sagt er. Und zur Zeit in der Schule der Freundschaft: „Das ist mein Schicksal.“ Wo fühlt ihr euch zu Hause? Diese Frage können die drei Schüler nur schwer beantworten. Nirgends zu Hause zu sein ist ein schweres Schicksal, das das Leben mit sich gebracht hat.