Cochstedt/Hecklingen l Der Vortrag war ausgearbeitet, alles lag bereit, sogar Flyer wurden gedruckt. Klaus Retzlaff von der Astronomischen Gesellschaft Magdeburg (AGM), der in Cochstedt wohnt, hatte sich darauf eingestellt, das Projekt Mittwochabend zu präsentieren. Es sollte Mitgliedern einer Arbeitsgruppe vom Bau einer Sternwarte in Cochstedt überzeugen, Geld – alles in allem 75 000 Euro - dafür aus dem Topf des Förderprogrammes Leader zu beantragen. Und die Sterne standen günstig, damit Erfolg zu haben. Doch dann kam alles anders.

„Wir haben heute am Morgen einen Anruf erhalten, dass mein Mann der Leader-Arbeitsgruppe doch nichts vortragen soll“, berichtet Ilona Retzlaff. Als Begründung wurde gesagt, dass das Projekt doch nicht zur Diskussion steht.

Frage des Geldes

Wie kommt es dazu? Diese Frage hängt mit der Finanzierung zusammen, denn diese ist selbst, würde es die Fördermittel über Leader geben, nicht klar. Denn zusätzlich wären 25 000 Euro Eigenmittel nötig. Seit Monaten wird in Hecklingen diskutiert, wie das Geld beschafft werden kann und eigentlich stand für die Sternfreunde fest, dass das jetzt klar ist. Sie waren davon ausgegangen, dass der Landkreis – Gespräche hatten schon vor Monaten stattgefunden – 15 000 Euro organisiert. Die verbleibenden 10 000 Euro sollten zunächst über Spenden akquiriert werden. Beobachtungsabende mit tragbaren Teleskopen wurden organisiert, um für das Vorhaben die Werbetrommel zu rühren. Als sich abzeichnete, dass die Einnahmen annähernd nicht ausreichen, die Zeit zur Beantragung der Leader-Fördermittel aber drängt, hoffte Klaus Retzlaff auf Hilfe und Unterstützung des Stadtrates.

Und er ging vor knapp einem Monat erleichtert aus der Sitzung, nachdem er den gewählten Volksvertretern seine Bemühungen und die Bedeutung der Sternwarte für die Region und den Kreis geschildert hatte. Denn die Mehrheit bekannte sich spontan dafür, 10 000 Euro aus dem Etat der Stadt vorzuschießen und sie später, wenn die Sternwarte läuft - wieder zurückzuzahlen.

Immerhin handelt es sich um ein Angebot der AGM, das Kommunen vermutlich selten offeriert wird.

Vor den Kopf gestoßen

Zum Hintergrund: Die AGM hat ein seltenes Großteleskop (14 Zoll Objektivdurchmesser und drei Meter Brennweite) als Dauerleihgabe erhalten und sucht einen Standort, denn die Voraussetzung ist, dass es für öffentliche Beobachtungen genutzt wird. Räumlichkeiten müssten geschaffen werden. Der ländliche Raum ist als Standort ideal, weil es nachts auch tatsächlich dunkel ist, anders als in Städten. In Cochstedt fand die AGM ein altes Trafohäuschen in der Steinstraße. Das könnte um- und ausgebaut werden. Wie das passiert, welchen Namen die Sternwarte trägt, Kosten, Ziele, Ausgangssituation - all das war in einem Projektsteckbrief für Leader schon in aller Ausführlichkeit ausgearbeitet worden. 2020 kann gebaut werden - so die Hoffnungen der Astrofreunde.

Doch dazu wird es nicht kommen. Der spontanen Absichtserklärung des Stadtrates fehlt ein bindender Beschluss. Eine dafür nötige Abstimmung im Hauptausschuss fand Dienstagabend nicht statt, die Verwaltung setzte den Tagesordnungspunkt ab. Damit wurde die Finanzierung des Vorhabens gekippt und Leader ist vorerst gestorben. „Momentan ist das Projekt finanziell nicht abgesichert“, erklärt die Vorsitzende des Gremiums Mandy Konew, warum das Projekt Mittwochabend bei der Leader-Arbeitsgruppe zurückgezogen wurde.

Das Hin und Her stößt die Astro-Freunde vor den Kopf. „Man kann sich hier nur noch wundern, wie hier addiert wird, der Vortrag, die Flyer alles für die Katz“, fragt sich Ilona Retzlaff, warum seitens der Stadt und des Rates erst Hoffnungen geschürt werden, die dann von heute auf morgen wieder zerplatzen.

Hecklingen ohne Haushalt

Dass die Stadt einen Rückzieher macht, hängt am Geld. „Wir haben keinen Haushalt und die Finanzierung kann nicht sicher gestellt werden.“ Bei der Sternwarte handele es sich um eine „freiwillige Aufgabe“. Da gebe es in der Stadt „weitaus Wichtigeres“, steht für Stadträtin Ethel-Maria Muschalle-Höllbach (WGH) fest. Sie hat an der Beratung des Hauptausschusses teilgenommen und erklärte, dass das Projekt ja damit nicht gestorben ist, sondern lediglich nach hinten geschoben wurde, also nicht wie geplant 2020 umgesetzt werden kann. Hecklingen könne die 10 000 Euro nicht an anderer Stelle einsparen, anderes müsste angegangen werden, damit die Verwaltung wieder arbeitsfähig werde. Dass das Vorhaben nicht jetzt realisiert werden könne sei bedauerlich, aber im Moment gebe das die finanzielle Lage der Stadt einfach nicht her, meinte die Ortsbürgermeisterin aus Groß Börnecke.

Roger Stöcker (SPD) sieht das anders. Auch er ist Mitglied im Hauptausschuss und nahm an der entscheidenden Beratung Dienstagabend teil. Er schildert den Ablauf der Sitzung aus seiner Perspektive. „Das Thema der Sternwarte stand gleich am Anfang auf der Tagesordnung.“ Eine Vorlage habe es im Vorfeld nicht gegeben, sie sollte nachgereicht werden, das sei aber nicht passiert. Stöcker ist sauer. Für ihn war die Abstimmung eigentlich nur reine „Formsache“. „Ich war sehr überrascht, als es hieß, dass der Tagesordnungspunkt abgesetzt werden soll. Er habe sich dann zu Wort gemeldet und gefragt, warum es dazu kommt. „Es wurde gesagt, dass nicht genügend Spenden eingegangen sind.“

Der Cochstedter Ortsbürgermeister Wolfgang Weißbart habe informiert, dass die Partei Die Linke 1250 Euro für die Sternwarte über Gewinnausschüttungen der Sparkasse zur Verfügung gestellt hat. „Das Geld liegt auf einem Verwahrkonto beim Kreis“, teilte Weißbart gestern auf Nachfrage mit.

Roger Stöcker meinte weiter, dass die Kassenlage in Hecklingen doch bekannt ist. Sie würde sich doch nicht innerhalb von vier Wochen ändern. Dass 10 000 Euro nicht gespendet werden können sei doch klar, aber man sei doch davon ausgegangen, dass Hecklingen das Geld vorschießt und später über Einnahmen der Sternwarte wieder zurück erhält.

Alles geplatzt

Wie geht es jetzt weiter? Dazu Bauamtsleiterin Mandy Konew: „Es besteht weiterhin die Möglichkeit, im nächsten Förderjahr einen Antrag bei Leader einzureichen. Wichtig jedoch ist, dass die Eigenmittel in Höhe von 25 000 Euro abgesichert sind.“ Und was sagt der Landkreis? Aus der Pressestelle heißt es: „Sobald die Stadt Hecklingen für den beabsichtigen Bau einer Sternwarte konkrete Vorstellungen entwickelt, einen Masterplan mit Zeitrahmen, Finanzierung und Nachhaltigkeit, Betreiber, vorlegt, den Eigenbeitrag sichert, kann der Landrat unterstützen und will das auch tun.“ Darüber habe sich Markus Bauer mit dem Bürgermeister der Stadt Hecklingen auch verständigt. „Wichtige Hilfestellung könnte zum Beispiel bei der Beschaffung von Fördermitteln gegeben werden“, teilt Sprecherin Marianne Bothe mit.