Staßfurt l Es musste schnell gehen. Mit einer Nierenkolik ist ja nicht zu spaßen. Und weil sie es so gewohnt war, fuhr die Begleitperson mit der Patientin zur Notaufnahme ins Ameos-Klinikum Staßfurt, damit man dort doch helfen möge. „Sie hat Schmerzmittel bekommen und wurde geriatrisch behandelt“, berichtet sie. „Dann wurde die Patientin aber nach Aschersleben gebracht. Ich finde, dass das eine Sauerei ist.“ Weil sie nicht wusste, dass es in Staßfurt keine Notaufnahme mehr gibt. So hätte sie gleich nach Aschersleben fahren können.

Was ist passiert? Am 1. Januar 2019 wurde in deutschen Notaufnahmen ein neues gestuftes System der stationären Notfallversorgung beschlossen. Durchgewunken wurde das im Gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Bei Stufe 1 der Basisnotfallversorgung müssen Fachabteilungen für Chirurgie und Innere Medizin vorgehalten werden. Eine Betreuung durch einen Facharzt muss in 30 Minuten gewährleistet sein, zudem muss es eine Intensivstation mit mindestens sechs Betten geben.

Einschränkung erfolgt schrittweise

In Staßfurt gibt es keine separate Innere Klinik, auch keine Chirurgie. Heißt: „Die Standards wurden nicht erfüllt“, wie Klinik-Sprecherin Anja Vincentini sagt. „Die Notfallversorgung wurde seit einigen Wochen auf Grund der gesetzlichen Vorgaben sukzessiv eingeschränkt. Seit Anfang Juli sprechen wir nun von einer vollen Zusammenlegung der Notaufnahmen der Ameos Klinika Aschersleben und Staßfurt, auf die Notaufnahme in Aschersleben.“ Die Rettungswagen fahren Staßfurt also gar nicht mehr an.

„Die Tatsache, dass in Staßfurt keine Notaufnahme mehr vorgehalten wird, hat sich bereits im vergangenen Jahr abgezeichnet. Der Rettungsdienst wurde über die Veränderungen rechtzeitig informiert“, teilt Elke Bartholomes, Geschäftsführerin des DRK Kreisverbandes Staßfurt-Aschersleben mit. Der DRK ist im Raum Staßfurt für den Rettungsdienst zuständig.

„Der Rettungsdienst hat die Notaufnahme Staßfurt bereits seit einiger Zeit nur noch mit sehr wenigen Patienten angefahren, da die Patienten gemäß Rettungsdienstgesetz stets in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus zu bringen sind“, erklärt Marko Jeschor, Sprecher des Salzlandkreises. „Da das Klinikum Staßfurt hauptsächlich geriatrische Patienten behandelt, sind die Notfallpatienten des Rettungsdienstes entsprechend ihrer Krankheitsbilder in die Kliniken Aschersleben, Bernburg, Calbe und Schönebeck gebracht worden.“

Die große Frage ist: Wieso hat Ameos darüber nicht informiert? „Das wäre anfänglich schwierig gewesen zu kommunizieren“, erklärt Vincentini. „Wir wären Ende Juli in die Kommunikation gegangen.“ Dann wäre die Notaufname in Staßfurt schon seit einen Monat geschlossen gewesen. Nach erneuter Nachfrage sagt Vincentini: „Das wäre eine gute Idee gewesen, das anfänglich zu thematisieren. Das wurde nicht getan.“ Grundsätzlich gilt aber: Notfälle werden immer aufgenommen. „Es wird niemand abgewiesen.“

Die Neuregelung der Standards soll die teils überfüllten Notaufnahmen entlasten. „Das liegt unter anderem auch daran, dass viele Patienten mit Beschwerden eine Notaufnahme aufsuchen, die tatsächlich keine akuten Notfälle sind. Die nächstgelegene Notaufnahme ist oft nicht die beste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Beschwerden“, erklärt Anja Vincentini. „Die allermeisten Krankenhäuser in Deutschland ohne Notaufnahme können Notfallpatienten nachts und am Wochenende auch nur notfallmäßig behandeln“, sagt der stellvertretende Krankenhausdirektor Florian Dietrich. „Im Ameos Klinikum in Aschersleben sind nun für beide Standorte die besten Voraussetzungen für eine optimale und vollumfängliche Notfallversorgung gebündelt. Zudem hält die Ameos Gruppe weitere Notfallzentren in der Region vor.“

Entlastung der Notaufnahmen

Im gleichen Atemzug rührt Ameos die Werbetrommel für den ärztlichen Bereitschaftsdienst, der unter der Telefonnummer 116 117 zu erreichen ist. Wenn mehr Bürger diesen nutzen würden, würden Notaufnahmen generell entlastet werden. „Über eine Leitstelle werden Patienten mit dem Arzt verbunden, der für ihren Bezirk im Notdienst ist. Dieser kommt zum Hausbesuch vorbei“, teilt Ameos mit. „Ein Angebot, das sich auch an Kinder und Jugendliche richtet und vermeiden soll, dass jeder Schnupfen-Patient in der Notaufnahme von Krankenhäusern landet.“ Die Zahl der Patienten, die zu Fuß in die Notaufnahme in Staßfurt kommen, ist dabei 2019 zurückgegangen. Gab es 2017 und 2018 zwei Fälle pro Tag, so ist es seit Anfang des Jahres ein Fall pro Tag.

Bereits 2018 hatte es Ärger wegen der Notaufnahmen bei den Ameos Klinika im Salzlandkreis gegeben. Hilfsfristen konnten nicht eingehalten werden, weil Patienten in den Kliniken nicht sofort angenommen wurden und die Rettungswagen damit gebunden waren. Andere Rettungswagen mussten die Einsätze übernehmen und dabei längere Anfahrtswege zurücklegen. Landrat Markus Bauer hatte Ameos aufgefordert, seiner im Rettungsdienstgesetz Sachsen-Anhalts geregelten Verpflichtung nachzukommen - nämlich Notaufnahmen offen zu halten. Ameos drohte mit Klage. Danach wurde die Aufnahme der Patienten von Ameos neu geregelt.