Rathmannsdorf l Das war dann wohl doch etwas zu optimistisch anvisiert vor zwei Jahren. Erst zum Osterfest 2019, dann zur Konfirmation sollte sie fertig werden. Schließlich hieß der nächste Termin Einschulungsgottesdienst für die ersten Abc-Schützen der neuen evangelischen Grundschule Rathmannsdorf, zu dem die umfassend zu sanierende Orgel wieder erklingen sollte. Das wäre im August des vergangenen Jahres gewesen.

Doch wie es bei den meisten Bauvorhaben der Fall ist, auch bei der Sanierung einer solchen mittlerweile 137 Jahre alten Rühlmann-Orgel wie in der St.-Pauli-Kirche treten mitunter unvorhersehbare Mängel zu Tage. Wie Wurmbefall in den hölzernen Bestandteilen oder sogenannte „Heuler“ in den Pfeifen – das sind kleine Risse, verursacht auch durch die Trockenheit der letzten Jahre.

Dann kommen noch Auflagen des Denkmalschutzes hinzu, mit denen niemand vor Ort gerechnet hätte.

Bilder

Da ging es beispielsweise um den Anstrich des Orgelgehäuses. Die Gemeinde hatte vor, das von den Malerlehrlingen des benachbarten Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums erledigen zu lassen.

Kein einfacher Anstrich

Natürlich spielte der finanzielle Aufwand dabei eine Rolle. Die Gemeinde wollte so kostengünstig wie möglich arbeiten.

Schließlich rechnete sie mit einem Reparatur-Kostenaufwand von insgesamt etwa 25.000 Euro. Nun kamen nochmal 5.000 Euro drauf, weil Denkmalpfleger der Landeskirche Anhalt mit einem „einfachen“ Anstrich nicht einverstanden waren – oder auch nicht sein durften. „Eiche gemasert“ musste es sein. Von einer dafür qualifizierten Restaurateurin ausgeführt.

Wohlgemerkt, die St.-Pauli-Gemeinde hatte vor knapp zwei Jahren eine Spendenaktion gestartet, die ein sensationelles Echo, auch unter Nichtgemeindemitgliedern, fand. Im ersten Anlauf waren immerhin fast 8.000 Euro zusammen gekommen.

Sicher nicht zuletzt in Erinnerung an wunderbare Konzerte mit der einzigartigen Rühlmann-Orgel, die hier einen ganz besonders warmen Klang haben soll.

Reihe der Sorgen ist lang

Dabei ist diese Königin nicht die einzige Baustelle von St. Pauli Rathmannsdorf, was man dem schmucken Gotteshaus auf den ersten Blick gar nicht ansieht. Aber Schäden am Dach, feuchte Gemäuer, zuletzt eine einsturzgefährdete Gruft... Die Reihe der Sorgen ist lang.

Würde es Ilona Repplinger nicht geben, hätte die Kirchengemeinde vielleicht längst kapituliert. Da sind sich der Gemeindekirchenratsvorsitzende Stefan Hädermann und Pfarrer Arne Tesdorff einig. „Jede Gemeinde, die so eine engagierte Kirchenrätin hat, kann sich glücklich schätzen“, unterstreicht Tesdorff.

Ilona Repplinger ist die Bauverantwortliche im Rat von St. Pauli. Und sie ist eine richtige „Baulöwin“. So oft es geht, ist die gelernte Industriekauffrau auf der Baustelle, seitdem die Orgelbauer aus Bernburg vor gut einem Jahr die ersten der insgesamt 945 Pfeifen – dazu kommen noch vier stumme aus gestalterischen Gründen – ausgebaut hatten.

Fast wöchentlich, mitunter täglich sogar dokumentiert Ilona Repplinger jeden noch so kleinen Fortschritt bei der Orgelsanierung auf der Webseite von St. Pauli Rathmannsdorf (www.kirche-rathmannsdorf.de). Auch wenn sich nichts tut in der mobilen Werkstatt, wird das von ihr dokumentiert. Auch – warum. Und – wann die Orgelbauer dann weiter machen wollen. Was Ilona Repplinger von den Fachleuten erklärt bekommt, lässt sie die interessierten Nutzer der Website natürlich ebenfalls gern wissen.

„Wenn man sich erstmal mit diesem Gotteshaus befasst hat, lässt es einen nicht mehr los“, begründet die 60-Jährige ihren Enthusiasmus. So eine Kirche sei eben schon etwas besonderes, nicht nur, weil es eines der ältesten Gebäude im Dorf ist.

Und wenn sie die ausgebauten Orgelpfeifen auf den Kirchbänken stören – ausgerechnet auch noch zur Weihnachtsmesse, wenn jeder Platz benötigt wird – dann lässt die resolute Frau die Teile auch schonmal auf die Orgel-Empore verschwinden.

Mit ihrem Unruhe-Geist hat Ilona Repplinger auch schon andere Rathmannsdorfer angesteckt. Zuletzt gab es sogar einen Arbeitseinsatz im Kirchgarten vor laufender Fernsehkamera.

„An der Kirche ist immer was zu tun. Und neben Fördermitteln und Spenden ist auch handwerkliches Geschick jederzeit herzlich willkommen“, lädt die Bauverantwortliche ein, nicht nachzulassen und weiter dran zu bleiben.

Schließlich ist – gegenüber den anderen Baustellen – ein Ende der Arbeiten an der Orgel in Sicht. Möglicherweise noch in diesem Monat.

Wann der voluminöse Klang des königlichen Instruments letztendlich erstmals wieder die Herzen der Zuhörer in St. Pauli erfreut, steht derzeit noch nicht fest. Zwar dürfen ja jetzt wieder Gottesdienste gefeiert werden nach der jüngsten Lockerung der Corona-Auflagen. Doch an ein Gemeindefest oder ähnliches, mit dem die Orgel-Wieder-Inbetriebnahme gefeiert werden soll, ist noch nicht zu denken.

Außerdem muss das Ergebnis der Sanierung erst noch vom Orgelsachverständigen der Landeskirche geprüft werden. Der Termin für das erste Orgelkonzert ist also noch in Planung.

Dass es der „Baulöwin“ von St. Pauli Rathmannsdorf danach langweilig werden könnte, ist auszuschließen.