Staßfurt l Dort, wo so sonst die Musik in St. Marien spielt, gähnt jetzt ein schwarzes Loch. Die Königin der Instrumente ist stumm. Ein Großteil ihrer Pfeifen ist inzwischen in die Werkstatt des Vogtländischen Orgelbaus Thomas Wolf abtransportiert.

Umfangreiche Arbeiten an der Orgel haben begonnen. Sie zielen auf die Verbesserung der Klanggestalt des imposanten Instrumentes und auf sein Aussehen. „Die einzelnen Stimmen der Orgel werden gereinigt, Pfeifen in der Schauseite der Orgel werden rekonstruiert und das gesamte Gehäuse wird überarbeitet“, erklärt Matthias Mück. Der Kirchenmusiker der Kathedrale St. Sebastian in der Landeshauptstadt betreut als Orgelsachverständiger des Bistums Magdeburg die Arbeiten in Staßfurts katholischer Hauptkirche fachlich.

Technik

Sie seien ein wenig mehr, als die Routine der jährlichen Wartung und Stimmung des Instrumentes, erklärt Matthias Mück. Wilhelm Rühlmann hat die Orgel 1896 als sein Opus 178 erbaut. In den Jahren 1989/90 wurde das Instrument erstmals grundlegend gereinigt und seine Technik überarbeitet. Alle über 2000 Pfeifen stehen auf pneumatischen Kastenladen. Sie erklingen, wenn Luft in sie geblasen wird, ihre Ventile werden ebenfalls über den sogenannten Wind gesteuert.

Das alles ist sehr komplex und bedarf nach 28 Jahren einer erneuten Überarbeitung, damit die Orgel künftig auch zuverlässig erklingt. Zudem nehmen die Orgelbauer jede einzelne Pfeife in die Hand, reinigen sie und sorgen über feinste Handgriffe dafür, dass ihre Ansprache wieder besser wird. Die großen Pfeifen werden in der Kirche durchgesehen, der Rest erhält seine Frischekur bereits in der Werkstatt in Limbach. Die Generalreinigung ist nötig, weil sich über die Jahre viel Staub in den Pfeifen abgelagert hat. Würde man dem nicht zu Leibe rücken, nütze auch die regelmäßige Stimmung des Instrumentes irgendwann nichts mehr.

Aus Kostengründen wurde die Rühlmann-Orgel in der Wendezeit aber nicht komplett restauriert. Das soll jetzt nachgeholt werden. „Im Ergebnis werden die Zuhörer das nicht nur im Klang wahrnehmen, sondern auch im Aussehen der Orgel“, so Matthias Mück. Das Gehäuse und der Spieltisch erhalten ihren ursprünglichen Glanz zurück. Die originale Farbfassung war etwas heller. Das Gehäuse wurde irgendwann einmal dunkel übermalt. Die Orgelbauer nehmen dort, wo es nötig ist, auch Stabilisierungsmaßnahmen vor. Die komplette Elektrik für die Beleuchtung des Orgelinneren wird auf den modernsten Stand gebracht.

Bilder

Prospekt

Rein optisch wird der Prospekt, die Schauseite der Orgel, auch durch zu rekonstruierende Pfeifen neuen Glanz erhalten. Denn die originalen Prospektpfeifen musste die Gemeinde im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgeben. 1919 wurden die Zinnpfeifen durch solche aus Zink ersetzt. Das war schnell machbar und billig. Thomas Wolf will jetzt die 35 Pfeifen des Orgelantlitzes aus hochwertigem Zinn nachbauen. „Zink war nur ein Ersatzmaterial. Das ist vergleichbar mit den Stahlglocken, die überall nach den Kriegen für die abgegebenen bronzenen aufgehängt wurde“, sagt der Orgelbauer. Das Material Zinn wirke sich unmittelbar auf den Klang aus. „Der Ton ist voluminöser und weicher.“

Die Rekonstruktion stellt Orgelbauer und Orgelsachverständigen vor eine große Herausforderung. Denn die neu zu bauenden Pfeifen müssen in das Klangkonzept Rühlmanns passen. Da kommt es auf die richtigen Maße von Öffnungen und auf die Bauform an. „Die Wandungsstärke und die Legierung der Pfeifen müssen sich so weit wie möglich dem annähern, was der Orgelbauer im 19. Jahrhundert vollbracht hat“, sagt Thomas Wolf und berichtet von einer Detektivarbeit. Denn er und Matthias Mück haben Unterlagen im Kirchenarchiv durchgesehen, auf er Suche nach möglichen Kostenvoranschlägen für die Orgel samt Materialauflistung. Außerdem haben die Experten unterschiedliche Rühlmannorgeln begutachtet, bei denen die originalen Prospektpfeifen noch erhalten sind. Daraus könne man Rückschlüsse ziehen, ja, erklärt Thomas Wolf. „Aber jede Orgel ist anders und individuell auf ihren Raum abgestimmt.“

Denkmal

Sachverständiger Matthias Mück ist unbedingt davon überzeugt, dass die Arbeiten jetzt wichtig sind, auch wenn die bisherigen Prospektpfeifen klingen und das Gehäuse grundsätzlich intakt ist. „Wir haben es hier mit einem Denkmal zu tun.“ Abgesehen von den klanglichen Arbeiten zum Schutz dieses besonderen Instrumentes komme man der Idee Rühlmanns so nah wie nur möglich. „Denn immerhin sind 99 Prozent des ursprünglichen Pfeifenmaterials noch vorhanden. Die rekonstruierten Prospektpfeifen runden das ab.“ In seiner Konzeption und Bauweise, in der klanglichen Ausrichtung und der Gestaltung sei das Instrument ein Unikat, ein Zeugnis einer Zeit, aus der wenige Orgeln erhalten sind, weil ein sich verändernder Geschmack spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder zu Umbauten an den Instrumenten geführt hat. Ihr Klang sollte heller sein. „Die Marienorgel zeichnet sich durch eine große Grundtönigkeit aus. Durch einen sehr runden, nuancenreichen und warmen, aber auch kräftigen Klang“, umschreibt Matthias Mück.

Kosten

Das Renovierungsprojekt kostet viel Geld. Orgelbau ist Handarbeit. Rund 95.000 Euro sind veranschlagt. Die Rekonstruktion der Prospektpfeifen beansprucht einen großen Teil dieser Summe. Die Kirchengemeinde finanziert zwei Drittel aller Kosten selbst. Den Rest übernimmt das Bistum Magdeburg. In St. Marien planen die Verantwortlichen derzeit, wie sie auf Spendenmöglichkeiten aufmerksam machen können. Dazu wird es noch eine öffentliche Aktion geben. Ein Spendenkonto ist bereits eingerichtet.

Wenn die Arbeiten wie geplant gelingen, wird die Gemeinde ihre Rühlmannorgel bei einem festlichen Konzert mit Kathedralmusiker Matthias Mück am 31. Oktober wieder in Dienst nehmen.

Spenden

Spendenkonto: Katholische Kirchengemeinde St. Marien Staßfurt / Bank für Kirche und Caritas / IBAN: DE03 4726 0307 0040 5809 00 / BIC: GENODEM1BKC / Kennwort: „Orgelsanierung“. Die Gemeinde dankt allen Unterstützern.