Staßfurt l Der jüdische Friedhof in der Hecklinger Straße auf halber Strecke zwischen Staßfurt und Hecklingen war am Sonnabend wie jedes Jahr am 9. November Anlaufpunkt für eine Gedenkveranstaltung. Zum 81. Mal jährt sich 2019 der von den Nationalsozialisten gegen die Juden gerichtete Terror bei der Reichspogromnacht. Mehrere Hundert Juden wurden bei diesen Gewaltmaßnahmen ermordet. Tausende Synagogen, Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.

Beim Gedenken an die Gräueltaten folgten Vertreter aller Fraktionen im Staßfurter Stadtrat sowie einige Bürger dem Aufruf der Stadt. Gerade vor dem Hintergrund der Anschläge in Halle am 9. Oktober hat das Gedenken eine erschreckende Aktualität gewonnen. „Halle gibt uns Anlass zur Besorgnis“, sagte Staßfurts Oberbürgermeister Sven Wagner (SPD). „Aber der Dialog macht uns klüger. Antisemitismus ist ein Problem. Die Antwort kann nur aus der Mitte unserer Gesellschaft erfolgen. Wir müssen offen sein, genau hinsehen und uns einmischen.“

Wagner versuchte den 9. November 1938, der in seiner Konsequenz mit den Nachwehen auch dafür sorgte, dass das jüdische Leben in Staßfurt quasi nicht mehr existent ist, als warnendes historisches Beispiel zu nehmen. „Die Reichspogromnacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord Europas. Daher ist das Gedenken an diesem Tag für uns ein unverzichtbarer Termin. Die Auslöschung der Juden war vollständig und unvorstellbar. Träume, Hoffnungen, Pläne und Sehnsüchte stecken hinter jedem Namen.“ Namen, die verschwunden sind oder gar nicht erst genannt wurden.

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Kirchen haben Schuld

Pfarrer Johannes Hesse appellierte auch daran, Juden als das zu sehen, was sie sind: normale Mitbürger. „Es sind Menschen, die zu uns gehören. Mit der Reichspogromnacht begann die Zeit, in der der Nachbar nicht mehr Herr Liebermann, sondern der Jude war. Auch die Kirchen haben bei der Vernichtung Schuld auf sich geladen. Wir müssen nein sagen zu Hass und Gewalt. Wir müssen nein sagen zur Verrohung der Sprache und müssen dankbar sein für die Demokratie. Es braucht Mut, Fantasie und Kraft, um der Menschenverachtung entgegenzutreten. Vergessen wir es nicht.“

Zwischendurch gab es bei der Gedenkveranstaltung musikalische Begleitung durch das Jugendblasorchester. Zum Abschluss hielt Sigrid Kullack vom Bergmannsverein ebenfalls eine eindrückliche Rede. Sie versuchte mit bildlichen Vergleichen den Naziterror zu veranschaulichen. „Es gab krachendes Glas und splitternde Scherben, angstvolle Schreie. Überall haben Menschen gelitten. Die Maske der Wut tobte mit Genuss.“

Etwa sechs Millionen Juden brachten die Nazis beim Holocaust um. Auch in Staßfurt erinnern Stolpersteine an Juden, die einst nördlich und südlich der Bode inmitten der Gesellschaft gelebt haben, bevor diese in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden. Auch gerade wegen Halle, wo im Oktober ein Rechtsextremer einen Anschlag auf die Synagoge verüben wollte, mahnte Kullack: „Wir müssen wachsam bleiben, damit sich so etwas nicht wiederholt. Jedes einzelne Hakenkreuz ist eines zuviel.“