Treibhausgase

Staßfurt hat extrem schlechte CO2-Bilanz

Doppelt so viele Treibhausgase wie in gleichgroßen Städten werden in Staßfurt ausgestoßen. Das ist Ergebnis einer Analyse, die zu neuen Ansätzen für den Klimaschutz in der Stadt gehört.

Von Franziska Richter
Staßfurt ist Industriestadt.
Staßfurt ist Industriestadt. Foto: Thomas Agit

Staßfurt - Dass die Stadt Staßfurt in ihrer Treibhausgasbilanz weit schlechter dasteht als vergleichbar große Städte, bestätigt auch das Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. Es wertet Emissionen aus der Wirtschaft aus und rechnet diese auf die Anzahl der Einwohner herunter. Genutzt werden solche Daten eigentlich für Aussagen darüber, wie sparsam Haushalte in einzelnen Städten mit Energieträgern wie Erdgas und anderem umgehen.

In Staßfurt müssten die Einwohner aber schon extrem sparsam sein, dass es Auswirkungen auf die CO2-Bilanz der Stadt hätte: „In Staßfurt produziert die Firma Ciech kalziniertes Soda und Natriumhydrogencarbonat und betreibt ein Industriekraftwerk. Aus den Daten des Emissionshandels wurden in den Anlagen im Jahr 2019 rund 576000 Tonnen CO2-Äquivalente emittiert“, erklärt das Landesamt für Umweltschutz. Auch die Europäische Kommission überwacht und sammelt solche Daten aus der Großindustrie.

Nimmt man allein diesen Ausstoß des Sodawerks und teilt ihn durch die rund 25000 Einwohner in Staßfurt, erhält man einen Emissionswert je Einwohner von über 20 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr. „In Deutschland lagen die durchschnittlichen Treibhausgasemissionen je Einwohner im Jahr 2019 bei rund 9,6 Tonnen CO2-Äquivalenten. Damit liegt Staßfurt allein mit den industriellen Emissionen bei dem doppelten des Wertes der deutschen Durchschnittsstadt mit 25000 Einwohnern“, so das Landesamt.

Kraftwerke und Co. treiben Werte nach oben

Der Ausstoß der Industrie wird in die CO2-Bilanz einer Stadt immer mit hineingerechnet. Daher gibt es noch kleinere Städte mit weit schlechteren Zahlen, etwa das Kraftwerk Schkopau mit 3,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten im Jahr bei der 11000 Einwohner-Kleinstadt.

Die Experten der KEM Kommunalentwicklung Mitteldeutschland aus Dresden betätigen: „Die Treibhausgase in Staßfurt kommen aus der Wirtschaft und zeigen einen ziemlich hohen Wert im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt“, sagt Diplom-Ingenieurin Mareen Jockusch, kann es aber auch positiv ausdrücken: „Das bedeutet, dass Staßfurt eine starke Wirtschaft hat.“

Die Diplom-Ingenieurin und ein Kollege von dem Dresdner Expertenbüro stellten im April dem Staßfurter Stadtrat ihre Energie-Analyse für Staßfurt vor. Hintergrund war das neue Klimaschutzkonzept, das sich die Stadt geben will. Das Projekt zur Nationalen Klimaschutzinitiative wird vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert und läuft von Januar 2020 bis Juni 2021. Zielstellung: Was kann die Stadt Staßfurt konkret für Klimaschutz und Energieeffizienz unternehmen?

Das Expertenbüro hat die Stadt auf ihren Energieverbrauch hin untersucht – Verwaltungsarbeit, Energieversorgung, Verkehr, Straßenbeleuchtung, Gebäude etc.

Staßfurt könnte mehr Energie sparen

Das Ergebnis ist unter anderem: „Es gibt noch viel Potenzial auf privaten Dächern“, sagt Diplom-Ingenieurin Mareen Jockusch. Anders als in anderen Regionen scheint das hauseigene Solardach in Staßfurt nicht allzu beliebt zu sein. Außerdem könnten die Windkraftanlagen der Region durch effizientere Anlagen ersetzt werden, Stichwort Repowering.

Viele städtische Gebäude könnten, so die Experten, viel Energie durch moderne Sanierung einsparen – allerdings ein enormer Kostenfaktor. Die Stadtverwaltung gehe laut Expertenbüro bereits richtige Schritte in Richtung Klimaschutz – durch aktuelle energetische Sanierungen, aber etwa auch im neuen Wohngebiet „Am Park“ in Atzendorf mit seinem geringen Flächenverbrauch.

Wichtig aber sind am Ende die konkreten Maßnahmen, die die Stadt für mehr Energieersparnis umsetzen kann. Ganze 48 Ideen schlägt das Expertenbüro in seinem Konzept für Staßfurt vor: Konsequent weiter den Fuhrpark der Stadt auf E-Mobilität umstellen, was bereits mit den Stadtwerken Staßfurt angelaufen ist. Hauseigentümer und Wohnungsgesellschaften für Projekte zu Photovoltaikanlagen auf ihren Dächern gewinnen. Klimafreundliche Einzelprojekte fördern. Eine ressourcenschonende Verwaltungsarbeit fortsetzen. Mehr Grünflächen in der Stadt einrichten. Öffentlichkeitsarbeit betreiben durch Aufklärungsaktionen an Schulen, Stammtische und Energieberatungen für Bürger.

Das Klimaschutzkonzept der Stadt Staßfurt ist nahezu fertig, erklärt Fachbereichsleiter Wolfgang Kaufmann von der Verwaltung. Im Sommer soll der Stadtrat das Konzept endgültig beschließen. Im Leitbildprozess hatte man sich selbst auferlegt, in Zukunft als klimafreundliche Kommune auftreten zu wollen.

Man habe auch die Bürger mit einbeziehen wollen und Ende letzten Jahres eine öffentliche Veranstaltung in Hohenerxleben dazu angeboten, „allerdings gab es dabei nur eine sehr geringe Beteiligung“, so Kaufmann.