Umweltschaden

Tote Fische an der Liebesbrücke

In der Staßfurter Bode sind hunderte Fische verendet. Die Ursache ist unklar. Es ist nicht der erste Fall.

Staßfurt l „Einzelne Fische waren in den letzten Zügen und hatten sich auf den Rücken gedreht“, erklärt Sven Kordaß. Der Staßfurter spazierte am Montag gegen 19 Uhr an der Bodebrücke entlang. „Merkwürdig war, dass es offensichtlich nur weiße Fische betraf, die schwarzen sind ganz normal weiter geschwommen.“

Am Dienstagnachmittag liegen hunderte tote Fische im Wasser an der Bodebrücke, in allen Größen. Wie sich später herausstellt, sind es hauptsächlich Weißfische wie Döbel und Plötze. Wie sieht der Rest der Bode aus? Am Staßfurter Wehr ist alles in Ordnung. An der Liebesbrücke aber, 500 Meter weiter, liegen dutzende weitere Kadaver.

Der Angler Thomas Richter schaut sich dort gerade die Lage an. „Ich habe gestern davon gehört. Das passiert eigentlich jeden Sommer in Staßfurt“, erklärt er . Die Ursache? „Sauerstoffmangel wird uns immer gesagt, mehr erfährt man nicht.“

Auf der Liebesbrücke macht sich auch Stadtrat Matthias Büttner (AfD) ein Bild. Er hat eben von dem Fischsterben gehört und wird an dem Tag auch zum ersten Mal den Ausschuss des Stadtrats leiten, der sich um Umweltbelange kümmert. Ein Telefonat, das er eben mit der Stadt geführt hat, habe keine Ergebnisse gebracht. Denn zuständig ist der Salzlandkreis mit seiner Fischereibehörde.

Ein Mitarbeiter des Sodawerks fährt in der Nähe der Liebesbrücke vor. Das Unternehmen kontrolliert regelmäßig alle eigenen Einleitstellen, zusätzlich zu den Kontrollen der Behörden. Schnell spricht Matthias Büttner eine Vermutung aus, die lange in Staßfurt kursiert: „Vielleicht hat es etwas mit den Einleitungen der Soda zu tun.“

Wenige Meter von der Liebesbrücke entfernt ist diese Einleitstelle, wo erwärmtes Produktionsabwasser der Soda in die Bode fließt. Maximal 35 Grad darf das Abwasser warm sein. Die Bode ist derzeit kühl bei etwa 20 Grad. Das Abwasser sollte also relativ schnell im Fluss abkühlen. Die Werksleitung erklärt auf Nachfrage der Volksstimme, dass dieses Mal keine Havarie im Sodawerk Ursache für das Fischsterben sei. Das Unternehmen sei dazu in Kontakt mit den Behörden. „Alle Temperaturen, alle Parametern sind bei uns in Ordnung“, sagt ein Sprecher. Man habe alle Bestimmungen eingehalten.

Die Untere Naturschutzbehörde des Salzlandkreises ist alarmiert. Gestern hatte ein Bürger den Notruf wegen der toten Fische gewählt. „Nach Info an die untere Fischereibehörde führte ein Vertreter der Fischereipächter der Bode (Verband Deutscher Sportfischer) eine Vor-Ort-Kontrolle durch“, so Landkreis-Sprecherin Marianne Bothe. Der Angler hat eine Stelle mit toten Fischen beräumt. Er wird in den nächsten Tagen nachkontrollieren und die Landkreisverwaltung informieren, wenn es weitere Auffälligkeiten gibt. Dann müsse man weitere Maßnahmen ins Auge fassen und reagieren, kündigt Bothe an.

Die Angler und die Fischereibehörde des Salzlandkreises vermuten, „dass dieses begrenzte Fischsterben im Zusammenhang mit dem warmen Wetter, höheren Wassertemperaturen und dem niedrigen Wasserstand der Bode steht.“

Beim Landesanglerverband Sachsen-Anhalt heißt es: „Selbst 35 Grad Wassertemperatur sind keine Ursache für Fischsterben“. Bernd Manneck, zuständig für Gewässerschutz, erklärt, dass die in Staßfurt gestorbenen Weißfische sogar besonders resistent seien. „Aktuell haben wir sehr warme Gewässer von 15 Zentimetern Tiefe und dort stirbt kein Fisch.“ Wasser erwärme sich auch nicht schlagartig.

Auch der oft genannte „Sauerstoffmangel“ sei in der Bode flächendeckend gar nicht möglich, da es sich um ein Fließgewässer handelt, so Bernd Manneck, der mit Staßfurt bereits in Sachen Fischsterben zusammengearbeitet hat.

„Bei niedrigem Wasserstand wie aktuell bei der Bode könnte der Verdünnungseffekt zu gering gewesen sein“, meint der Fischexperte. Heißt, das Bodewasser reicht nicht aus, um das sauerstoffarme Produktionsabwasser auszugleichen. Ein punktueller Sauerstoffmangel könnte an der Einleitstelle entstanden sein. Ungünstige Momente treffen zusammen: Temperaturwechsel, Stress, erhöhter Sauerstoffbedarf, die Tiere ersticken langsam und driften ab. „Es ist schwer zu sagen, woran es dieses Mal lag“, fasst Bernd Manneck zusammen. Warum nur weiße Fische betroffen sind, kann er sich nicht erklären.

„Das Sodawerk ist nicht schuld. Das Problem ist, dass die Genehmigung zur Einleitung immer noch in dem heutigen Umfang besteht“, sagt der Angler aus Naturschutz-Sicht.

Das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt erlaubt der Ciech Soda, gewisse Mengen an Produktionsabwasser in die Bode einzuleiten. Diese Genehmigung stammt von 2005, teilt das Landesverwaltungsamt mit. Zum letzten Fischsterben in Staßfurt im Dezember 2018 erklärt die Behörde: „Da die staatsanwaltlichen Ermittlungen in dieser Sache noch laufen, liegen hier bisher keine weiteren Erkenntnisse vor.“