Stendal l Als im Oktober die Archäologen in Stendal am Kornmarkt buddelten, da war dem Grabungsleiter Manfred Böhme zu den Ergebnissen nicht viel zu entlocken. Das Landesamt für Denkmalpflege in Halle teilte auf Anfrage lediglich mit, dass Gebäudereste freigelegt worden sind, deren Alter noch bestimmt werden müssten. Nun scheint sich aber Sensationelles anzudeuten. Die zum Teil freigelegten Fundamente gehören mit einiger Wahrscheinlichkeit zu einer Markthalle. Diese wurde offensichtlich aus Ziegelstein gebaut und dürfte nach ersten Datierungsversuchen vom Ende des 12. Jahrhunderts stammen.

 „Nach Schriftquellen zu urteilen, dürfte es eine der ersten steinernen Markthallen in Deutschland sein“, sagt Dr. Götz Alper als Stendaler Gebietsreferenten des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle/Saale.

Ähnlich wie Tuchhallen in Krakau

„Die sind im Landesamt schon ganz aufgeregt“, sagt der Stendaler Amtsleiter für Stadtsanierung, Georg-Wilhelm Westrum. Man gehe von bedeutenden archäologischen Funden aus, wenn Anfang 2016 auch der Marktplatz aufgerissen wird. „Die Geschichte von Stendal muss ein Stück neu geschrieben werden“, sagt Bärbel Hornemann von der Unteren Denkmalbehörde.

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Man müsse Stendal für eine noch frühere Zeit eine große Bedeutung zumessen, als dies bislang der Fall war, sagt Hornemann. Um 1160 hatte Albrecht der Bär den Stendalern das Magdeburger Marktrecht verliehen. Zur gleichen Zeit wurde bisher der erste Bau von steinernen Häusern in Stendal vermutet. Wenn sich der Fund bestätigt, dann dürfte die Siedlung Stendals noch älter sein, als bislang belegt.

Dass es am Marktplatz ein größeres Gebäude gegeben hat, das wird aus einer Karte von 1755 deutlich. „Es hat verschiedene Gebäude an der Stelle gegeben“, sagt Hornemann. Das Überraschende ist jetzt die frühe Datierung des steinernden Fundamentes. Hornemann spricht von einer Markthalle mit Pfeilern und Bögen. „Das muss man sich wohl so vorstellen wie die Tuchhallen in Krakau“, sagt die Rathausmitarbeiterin.

Beim Landesamt für Denkmalpflege ist man gewohnt zurückhaltend. „Wir müssen noch weitere Untersuchungen machen“, sagt Götz Alper. Insbesondere Balkenreste lassen heutzutage aufs Jahr genaue Datierungen zu – sogenannte dendrologische Bestimmungen. Mit der Fortsetzung der Grabungen in 2016 erhoffen sich die Archäologen eine Gewissheit zum Sensationsfund in Stendal. „Es wird eine sehr bedeutende Grabung für uns“, gibt Aper zu. Es sei ein glücklicher Umstand, dass der Marktplatz „ungestörte Schichten“ habe. Was soviel heißt, dass dort noch nie tiefer gegraben wurde.

Zeitdruck wegen Rolandfest

Zwischen Stadt und Landesdenkmalbehörde laufen derzeit die Planungen für den Ablauf. Knackpunkt ist, dass die Stadt nach den Grabungen den Marktplatz provisorisch wieder schließen möchte, damit vom 3.-5. Juni in gewohnter Form das Rolandfest gefeiert werden kann. Erst danach soll die eigentliche Sanierung des Platzes sowie der Straße am Markt erfolgen. Es soll daher so früh wie möglich 2016 mit den archäologischen Arbeiten begonnen werden. Diese werden sich im Wesentlichen auf den nördlichen Teil des Platzes hin zum Kornmarkt erstrecken.

Für die Stadt sind die Grabungen allerdings nicht nur spektakulär aufgrund seiner geschichtlichen Erkenntnisse, sondern auch recht teuer. Ebenso wie bei privaten Investoren muss die Stadt die archäologischen Arbeiten als Investor bezahlen. „Die Kosten sind bei 20 Prozent der Gesamtkosten gedeckelt, die werden in diesem Fall auch ausgereizt“, sagt Hornemann. Die Stadt geht von rund einer Million Euro an Investition aus. Das heißt, dass die archäologischen Arbeiten mit rund 200 000 Euro zu veranschlagen sind.