Stendal l Seine Rückkehr nach Deutschland hatte sich Denny H. sicher anders vorgestellt. Doch als er am 4. Dezember, einem Freitag, nach der Ankunft aus Miami auf dem Flugplatz Berlin-Tegel den Flieger verlässt, wird er von Beamten der Bundespolizei erwartet – und verhaftet auf Grundlage eines Haftbefehls, der zwei Tage zuvor ausgestellt worden war. Wenig später wird gegen den 40-Jährigen Untersuchungshaft angeordnet.

Schon seit dem Sommer ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen den Mann, der sich jahrelang unbefugt als Facharzt ausgegeben hatte. Er steht im Verdacht, als Arzt Patienten behandelt zu haben, ohne Arzt zu sein. Die entsprechenden Unterlagen wie Approbations- und Promotionsurkunden soll H. gefälscht haben. Darum wird wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Missbrauchs von Titeln ermittelt, teilte Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, auf Nachfrage mit. Er bestätigte auch, dass der 40-Jährige aus Sachsen-Anhalt stammt und am Stendaler Krankenhaus beschäftigt war.

Dort hält man sich mit Hinweis auf den Datenschutz zurück mit Informationen über den Zeitraum, in dem Denny H. – zu dieser Zeit soll er noch einen anderen Familiennamen getragen haben – als Krankenpfleger am Johanniter-Krankenhaus beschäftigt war. Nach Volksstimme-Informationen soll er zuletzt auf der Intensivstation gearbeitet haben – eine Grundqualifikation also, auf die der Hochstapler später seine berufliche Vita aufbaute. Denn nachdem er die Altmark verlassen hatte, wurde aus dem Krankenpfleger ganz ohne Medizinstudium ein Arzt. Unter anderem soll er sich, so berichtet es die Berliner Zeitung, seit mindestens fünf Jahren in Berlin als Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin ausgegeben haben. Er soll in verschiedenen Praxen als Arzt angestellt worden sein – obwohl er keine Approbation und keine entsprechende Ausbildung hatte. Offensichtlich hatte er aber echt aussehende Urkunden und Unterlagen, die ihm den Weg ebneten.

Vortrag an Charité

Unter anderem bei der in Frankfurt/Main ansässigen Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Dort war er mehr als drei Jahre, zwischen 2010 und 2014, angestellt, teilte die Stiftung mit. Die seinerzeit „bei der Stifung vorgelegten Bewerbungsunterlagen, unter anderem eine amtlich beglaubigte Approbationsurkunde, ließen keinen Zweifel an der Qualifikation des Mannes vermuten“, sagte DSO-Sprecherin Birgit Blome.

Bei der gemeinnützigen Stiftung war der Beschuldigte als Koordinator beschäftigt – eine Tätigkeit, die sowohl von Ärzten als auch von ausgebildeten Krankenpflegern ausgeführt wird. Die Behandlung von Patienten gehört nicht zu den Aufgaben dieser Mitarbeiter, die sich um die Koordinierung im Organspendeprozess nach dem festgestellten Tod eines Spenders kümmern. Sie operieren nicht und entscheiden auch nicht über die Vergabe der Organe. Zum Thema hat der vermeintliche Arzt Vorträge gehalten. In der Übersicht der Montagsfortbildungen der Berliner Charité ist für Juni 2012 der Vortrag „Aktuelles zur Organtransplantation“ von Dr. Denny Cato H. aufgeführt.

Bei seinem letzten Arbeitgeber hatte Denny H. dann aber doch mit Patienten zu tun – mit Reisenden auf den Kreuzfahrtschiffen Aida vita und Aida diva. Ausschließlich auf diesen beiden Schiffen war der 40-Jährige zwischen Juni 2014 und dem 30. November 2015 für insgesamt zehn Monate eingesetzt. Dafür soll er monatlich 7500 Euro bekommen haben.

Pro Schiff sind jeweils zwei Ärzte und mindestens zwei Krankenschwestern an Bord. Sollte ein Patient ernsthaft erkranken oder ist eine Operation dringend notwendig, steuern die Schiffe in der Regel den nächsten Hafen an oder fordern einen Hubschrauber oder ein Rettungsboot an.

"Private Hinweise"

Nach „privaten Hinweisen“ hatte sich das in Rostock ansässige Unternehmen Aida Cruises Ende November mit der Berliner Polizei in Verbindung gesetzt und erfahren, dass seit Monaten in diesem Fall ermittelt werde, erklärte Aida-Sprecher Hansjörg Kunze am Freitag auf Volksstimme-Nachfrage. Denny H. sei dann unverzüglich vom Dienst suspendiert worden, zudem habe das Unternehmen „aktiv mit den Behörden zusammengearbeitet, so dass er auf deutschem Boden verhaftet werden konnte“. Mit seinen Referenzen von renommierten, früheren Arbeitgebern und seinen Unterlagen habe der 40-Jährige „uns massiv getäuscht“, sagte Kunze und betonte: „Dies ist ein absoluter Einzelfall.“

Aida Cruises hat im Kunden­interesse und mit Blick auf das Kundenvertrauen umgehend eine Hotline eingerichtet (Kunze: „Sie wird gut akzeptiert“) und alle Mitreisenden, die an Bord von dem falschen Arzt behandelt worden sind, angeschrieben. „Wir erstatten selbstverständlich die Behandlungskosten“, erklärte der Unternehmenssprecher. Zudem werde jetzt geschaut, was bei der Einstellung von Mitarbeitern noch verbessert werden kann, obwohl „wir selbstverständlich schon jetzt die Lebensläufe unserer Bewerber gründlich überprüfen“, so Hansjörg Kunze. Im aktuellen Fall will die Kreuzfahrt-Reederei „die Ermittlungsbehörden in vollem Umfang unterstützen“.

Als die Reederei im November bei der Berliner Polizei nachfragte, liefen die Ermittlungen bereits. Die Berliner Ärztekammer soll Anzeige erstattet haben, nachdem es Ungereimtheiten mit einigen Urkunden gegeben hatte. Laut einem Bericht der „Welt am Sonntag“ hatte Denny H. die Sache selbst ausgelöst, als er einen neuen Ärzteausweis beantragt hatte, in dem als zweiter Vorname „Cato“ eingetragen werden sollte – obwohl dieser Name zuvor nirgends beurkundet worden war.