Stendal l Der 25. Juni 2015 ist im Gedächtnis von Dr. Ghassan Khlif noch ganz präsent. An jenem Tag arbeitete der Kinderarzt im Kinderkrankenhaus von Hasaka. Schon viele Male zuvor hat der IS die Stadt im Nordosten Syriens angegriffen, um sie unter seine Kontrolle zu bringen, bislang vergeblich. Plötzlich explodiert eine Autobombe vor dem Zentrum für Nationale Sicherheit direkt neben dem Krankenhaus. Es droht einzustürzen, nur noch Khlif ist in dem Gebäude und sechs Neugeborene. „Ich rief um Hilfe, denn ich konnte doch nicht sechs Babys tragen“, erzählt er im Gespräch mit der Volksstimme. Zwei Passanten eilen herbei, zusammen bringen sie die Kinder in Sicherheit – dann fällt das Gebäude zusammen.

Am 26. Juni setzt der IS die Angriffe in dem Stadtteil fort. 30 Meter von Khlifs Haus explodiert eine weitere Autobombe. Die Kämpfe dauern die ganze Nacht an. „Meine Familie und ich hatten panische Angst“, sagt er und die Erinnerung spiegelt sich in seinen Augen wider. Doch Syrien verlassen, daran denkt der 39-Jährige auch in dieser Notsituation noch nicht. „Ich wollte niemals weg, und das niemals können Sie dreimal unterstreichen“, diktiert er ein halbes Jahr später in den Block. Er sei Patriot, liebe sein Heimatland und wolle vor allem Kindern helfen. Doch die Situation wird immer bedrohlicher. Zusammen mit seiner Frau und der achtjährigen Tochter findet er Zuflucht im 80 Kilometer entfernten Qamishil an der türkischen Grenze. Als sie nach dem Ende der Kämpfe in ihre Heimatstadt zurückkehren, ist das Haus zerstört, die Familie obdachlos.

Schwere Entscheidung

Und dann trifft der Kinderarzt eine schwere Entscheidung. Am 1. Oktober machen sich die drei auf den Weg nach Deutschland. Denn für Khlif steht fest, dass er nur dort ein neues Leben beginnen kann. Zunächst geht es in die Türkei, von dort aus mit dem Boot nach Griechenland. 5000 Dollar kostet die Überfahrt, dafür hat er sich einen gehörigen Anteil von Freunden leihen müssen. Auf dem Landweg ging es über die Balkanroute Richtung Norden, manchmal mit dem Bus, oft zu Fuß. Er erinnert sich an einen besonders anstrengenden Abschnitt zwischen Kroatien und Slowenien, 30 Kilometer zu Fuß, nachts bei strömendem Regen. Nach drei Wochen hat die kleine syrische Familie die rund 3000 Kilometer aus der Heimat zurückgelegt, kommt in Rosenheim an. Einige Tage später landet sie in der Landesaufnahmeeinrichtung in Klietz, dann in Stendal.

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„Ich bin so froh, dass meine Familie jetzt in Sicherheit ist“, sagt er. Das Gespräch findet in einem Zimmer der Berufsbildungsakademie „Altmark“ statt. Dort absolviert er seit November einen Einstiegskurs, in dem er Deutsch lernt. „Wir haben sechs dieser Kurse mit 25 Teilnehmern, die meisten davon sind Syrer“, erläutert Geschäftsführer Manfred Zimmer. Die meisten von ihnen wohnen ja auch in der Nähe. Auch Khlif hat mit seiner Familie ein neues Zuhause in Stadtsee gefunden, in der Albrecht-Dürer-Straße.

Viel Geduld ist erforderlich

Doch angekommen ist er noch nicht. „Ich möchte arbeiten“, sagt er. Er sei es gewohnt, viele Kinder um sich herum zu haben, einige, die lachen, andere, die schreien. Verglichen damit sei die Stille zu Hause unerträglich. Zimmer will ihm dabei helfen, in Stendal Fuß zu fassen, hat mit ihm schon ein Gespräch bei Prof. Ulrich Nellessen, dem Ärztlichen Direktor des Johanniter-Krankenhauses, gehabt, um seine Chancen abzuklopfen. „Wir brauchen doch Kinderärzte“, weiß Zimmer. Allerdings werde es wohl ein langer Weg, bis der Syrer dabei helfen kann, die Versorgungslücke zu stopfen. Der Einstiegskurs geht noch bis März, dann folgt der fünfmonatige Integrationskurs.

Parallel dazu muss außerdem geprüft werden, ob seine Qualifikationen für eine Tätigkeit in Deutschland ausreichen. Mindestens ein Jahr wird er sich wohl noch gedulden müssen. Aber das fällt ihm schwer: „Ich kann mir mich ohne Arbeit nicht vorstellen, ich will wieder helfen, das Geld spielt dabei erstmal überhaupt keine Rolle.“