Stendal l Der Umzugsgedanke war schon länger bei Annette und Gero Seher gereift, doch intensiv gesucht hatten sie nicht. „Wenn unsere Wohnung kommt, werden wir sie erkennen“, fasste Annette Seher in Worte, wie sie und ihr Mann ganz entspannt an die Suche nach etwas, „das Charme hat“, herangegangen waren. Im vorigen Sommer weckte dann ein Bauschild am ehemaligen Gefängnis ihre Neugier. Sie erkundigten sich, wurden auf den Oktober vertröstet. Als das Ehepaar, das jetzt noch an der Uenglinger Straße wohnt, sich die zehn künftigen Wohnungen im ehemaligen Verwaltungstrakt angeschaut hatten, war die Entscheidung gefallen: für eine Drei-Raum-Wohnung in der zweiten Etage. „Wir waren ziemlich sicher, dass sie es wird“, erzählte die künftige Mieterin am Donnerstag.

Hauptsächlich die Wohnung mit Balkon, mit Wendeltreppe zu einem sehr schönen Raum in zweiter Ebene (er gehörte nicht zum Originalbau) und die gute Innenstadtlage haben überzeugt. Dass Sehers ins ehemalige Gefängnis einziehen, sehen sie eher von der humorigen Seite. „Im Spaß sagen wir jetzt, dass wir um 18 Uhr daheim sein müssen, weil wir nicht länger Ausgang haben“, erzählte Gero Seher. Und seine Frau fügte hinzu: „Ich sage immer: Wir wohnen im Gefängnis, aber wir haben einen Schlüssel.“

„Das ist ja toll geworden“, waren ihre ersten Worte, als sie mit ihrem Mann die fast fertige Wohnung betrat. Dorthin hatten die Hauseigentümerin Bianka Richter-Mendau und ihr Mann Thomas, der als Projektleiter die Wohnanlage „Domblick“ betreut, sie als erste Mieter eingeladen. Symbolisch und zur Erinnerung gab es einen Originalschlüssel aus dem Gefängnis. In zwei Wochen will das Ehepaar Seher umziehen. Auch eine zweite Wohnung, eine mit Blick in Richtung Dom, wird in den kommenden Tagen bezogen.

Bilder

Tür als Geschenk

Im ehemaligen Verwaltungstrakt entstehen zehn Wohnungen (zwei davon sind noch nicht vergeben), weitere 13 im früheren Zellentrakt. Auf dem Areal ist ein Restaurant-Café geplant. „Mit den Wohnungen wollen wir im November fertig sein“, sagte Thomas Richter-Mendau. Es gibt kleine Wohnungen mit eineinhalb Zimmern und große mit vier Räumen, wegen der historischen Bausubstanz alle mit sehr individuellem Zuschnitt.

„Jetzt lebt das Gebäude, früher war hier Leid“, freute der 61-jährige Peter Wiedicke aus Genthin. Im Jahr 1972 wurde er als 17-Jähriger aus politischen Gründen in Stendal inhaftiert. Insgesamt sechs Mal habe er in der Dunkelzelle – diese soll erhalten bleiben und als historisches Zeugnis restauriert werden – gesessen, berichtete er. Ab 1972 wurde er in mehrere andere Haftanstalten verlegt, bis seine dreieinhalbjährige Haft beendet war. In Stendal saß Wiedicke, dessen Geschichte anlässlich des „Angstfrei“-Festivals 2011 im leerstehenden Gefängnis in einem Kurzfilm erzählt wurde, in der Zelle Nummer 10. Nicht aus Nostalgie, sondern weil er die Zellentür eventuell als Fotomotiv für sein geplantes Buch über die Haftzeit nutzen möchte, bat er die Eigentümerin darum. Am Donnerstag bekam er sie geschenkt. Beim Rundgang war der 61-Jährige sehr beeindruckt von dem, was aus dem ehemaligen Gefängnis geworden ist und noch wird. „Würde ich nicht in Genthin wohnen, ich würde mir hier eine Wohnung mieten“, sagte er.