Iden l Im Halbdunkel gehen die schwarz-weißen Kühe durch geöffnete Metalltore, stapfen mit ihren geteilten Klauen über den glitschigen Stallboden, der mit Abflussritzen durchsetzt ist. Gedämpftes Muhen. Eine Kuh platscht mit ihrem Kopf in einen Wassertrog. Die erwartungsvolle Ruhe wird jäh von einem hohen Signalton durchbrochen, ein maschineller Treiber setzt sich in Bewegung und drückt die Tiere in Richtung Melkstand. Jeweils 16 Kühe pro Seite reihen sich nebeneinander in den Fischgrätenmelkstand ein. Für sie ist es ein Tag wie jeder andere, reine Routine – bei dem Personal im Melkstand herrscht unterdessen Ausnahmezustand.

Jeder Handgriff der Melker wird bewertet

Zu Zehnt drängen sich drei Prüflinge und sieben Leistungsrichter in dem abgesenkten Gang. Mit Klemmbrett und Stoppuhr in der Hand werfen die Richter kritische Blicke auf die Arbeit der Melker. Jeder Handgriff wird verfolgt, bewertet, notiert. Da heutzutage Maschinen das Gros der Melkarbeit übernehmen, wird vor allem auf Hygiene, das korrekte Ansetzen des Melkzeugs sowie auf das Prüfen, ob der Euter nach dem Melken auch wirklich leer ist, geachtet. Dabei haben die Richter immer ein Ziel vor Augen: Den besten Melker aus dem Norden Sachsen-Anhalts ausfindig zu machen.

Am Rand des Gewusels steht – im grünen Arbeitsoverall und in gelben Gummistiefeln – Janina Schulz. Sie kennt die Atmosphäre des Wettkampfs bestens, schaffte es 2014 bis zum Bundesmelkwettbewerb. Jetzt ist sie als Richterin in den Ställen des Zentrums für Tierhaltung und Technik der Landesanstalt für Landwirtschaft, Forst und Gartenbau in Iden vor Ort.

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Eutergesundheit ist wichtig

„Die Melkmaschinen sind zwar eine Erleichterung, aber kein Ersatz für fähige Mitarbeiter“, sagt Janina Schulz. Sie bewertet den Milchzelltest der zwölf Teilnehmer, der die Eutergesundheit der Kühe feststellt. Maria Wieczorek ist als nächstes dran. Geschickt melkt sie aus jeder Zitze etwas Milch in jede der vier Scheiben der Testschale. Zusammen mit der Milchtest-Lösung ergibt sich eine orange-rote Mischung. Wieczorek schaukelt die Schale für ein paar Sekunden hin und her. „Positiv, sehr positiv, positiv, sehr positiv“, sagt sie mit einem prüfenden Blick auf die Flüssigkeiten in jedem Viertel. Janina Schulz macht sich derweil Notizen.

Wieczorek fällt im Vergleich zu den Mitstreitern etwas aus der Reihe, denn ihre Familie hat mit Landwirtschaft überhaupt nichts am Hut. „Nach der zehnten Klasse habe ich erst keine Ausbildungsstelle bekommen und dann als Erzieherin angefangen“, sagt Wieczorek, „aber das war nicht mein Ding.“ Also bewarb sie sich um eine Stelle als Tierwirtin beim Milchgut Ristedt. „Zwei Tage später kam die Zusage.“

Während für sie der Wettkampf erst nachmittags im Karussell-Melkstand weitergeht, kämpfen nebenan junge Nachwuchskräfte in der Disziplin „Side-by-Side“ bereits um Punkte. „Geschicklichkeit, Organisation und Zeitgefühl“ – diese Fähigkeiten sind laut Richter Wolfgang Döring beim Melken gefragt. Und wer es einmal beherrscht, der verlernt es nicht mehr: „Melken ist eben wie Fahrradfahren“, bestätigt Hans-Heinrich Francke, Ausbildungskoordinator der Landesanstalt.

Maria Wieczorek steht am Abend als Siegerin im Karussellmelken fest. Ihr Traum von der Teilnahme am Bundeswettbewerb geht weiter.