Stendal l 25 Gespräche entführten das Projektteam um Professor Günter Mey zurück in vergangene Zeiten. Zeiten, in denen eine echte Levis oder Wrangler Jeans von unschätzbarem Wert war. In denen Augenbrauen und Wimpern noch mit schwarzer Schuhcreme getuscht wurden. Und in denen man für den Kauf einer Schallplatte frühmorgens aufstehen und sich in eine Menschenschlange vor dem Laden einreihen musste. All diese Jugenderinnerungen von Stendalern haben Mey und drei Studentinnen – Imke Ahlers, Aileen Piechocki und Henrike Krause – gesammelt und beim Offenen Kanal Stendal auf Film aufgezeichnet. Jetzt ist die Gruppe dabei, die Gespräche auszuwerten.

Jugendkultur jenseits der Metropolen

„In dieser Zeitspanne von 40 Jahren wurde Jugend in der DDR ganz unterschiedlich gelebt“, sagt Günter Mey, Professor für Entwicklungspsychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal, „und es gibt gute Gründe das genauer zu betrachten.“ Zum einen sei die Fülle an Literatur zur Jugendkulturforschung sehr auf Westdeutschland bezogen. Zum anderen komme hinzu, dass oftmals großstädtische Strukturen im Fokus stehen. „Wir untersuchen Jugendkultur jenseits der Metropolen, beleuchten die bisher recht unbeachtete Provinz. Das ist eine gute Ausgangslage für unsere Studie“, berichtet Mey.

Die Interviews mit den Zeitzeugen dokumentieren vor allem eines: Es war durchaus etwas los in Stendal. „Zwei Zitate stehen eigentlich stellvertretend für die Jugend in allen Jahrzehnten“, sagt Studentin Aileen Piechocki. Nämlich: „Da war doch die Welt los, jedes Wochenende“ und „Was da los war … was man selber gemacht hat“. Für Jugendliche gab es viele Angebote. Treffpunkte wie der Elbpark in Tangermünde, der Waldfrieden oder das ehemalige Stendaler Freibad an der Osterburger Straße waren beliebt. Abends traf man sich zum Tanzen oder gemeinsamen Beisammensein im Schwarzen Adler oder im Barcafé. „Für die Menschen, mit denen wir geredet haben, war die Jugendzeit die beste Zeit ihres Lebens“, berichtet Piechocki, „eine Zeit, die sie nicht missen wollen.“

Doch Jugend bedeutet immer auch Abgrenzung, Anderssein als die Generationen der Eltern oder Großeltern. „Jugend ist immer ein Ort, an dem etwas erprobt wird – meist zum Missfallen anderer Generationen“, bestätigt Mey. „Ob es nun Tanzformen sind oder die Kleidung, es wird etwas Neues kreiert.“ Dem Projektteam ist bei den ersten Auswertungen vor allem aufgefallen, dass die Menschen sehr kreativ waren.

Schneider waren damals angesagt

„Durch alle Jahrzehnte hinweg haben die Menschen geschneidert“, führt Henrike Krause als Beispiel an. „Viele Kleidungsstücke waren zu DDR-Zeiten nicht vorhanden, deshalb hat man Kleidung einfach selbst kreiert. Dadurch entstand natürlich auch ein eigener Stil.“ Und auch die Mobilität war begrenzt. „Autos und Mopeds waren Mangelware, so hat sich das Trampen als sehr eigene Form des Unterwegsseins etabliert“, berichtet Aileen Piechocki. Eines liegt Mey dabei besonders am Herzen: „Wir untersuchen die Besonderheiten einer bestimmten Zeit, es geht nicht darum, Ost gegen West in irgendeiner Weise auszuspielen.“

Das Projekt, das zunächst als Projektkurs angeboten wurde, und nun – gefördert durch die Kaschade-Stiftung und den Förderkreis der Hochschule – von den drei studentischen Mitarbeiterinnen weitergeführt wird, soll Ende dieses Jahres der Öffentlichkeit in Stendal präsentiert werden. „Eine Aufbereitung in Form eines virtuellen Pfads ist beispielsweise denkbar“, sagt Günter Mey, „es geht ja schließlich auch darum, zu erfahren, wo wir hier eigentlich sind und was da für ein Ort ist. Deshalb soll jeder das Ergebnis sehen können.“ Bis dahin sucht die Gruppe weiter nach Zeitzeugen sowie Fotomaterial (siehe Infokasten).