Stendal l „Der Wolf ist ein ganz armes Schwein.“ Zu diesem Schluss kommt Dr. Rolf Horak nicht von Ungefähr, sondern im Ergebnis einer Reihe von mit wissenschaftlicher Neugier geführten Interviews.

26 Altmärker interviewt

In jedem Sommersemester stellt Horak, der an der Stendaler Hochschule Reha-Psychologie unterrichtet und Fachmann in Sachen Gutachtentechnik ist, einer Studiengruppe die Aufgabe, sich mit Hilfe tiefenpsychologisch orientierter Interviews einem aktuellen Thema zu nähern. In diesem Jahr ist das der Wolf, beziehungsweise dessen Rückkehr in die Altmark und die Reaktion der Altmärker darauf. 15 Frauen und elf Männer im Alter zwischen 26 und 62 Jahre stellten sich in den vergangenen Monaten den Fragen der Studierenden, die mit jedem Interviewten etwa eine Stunde sprachen.

Nach einer ersten Auswertung der Interviews sagt Horak: „Der Wolf kann offensichtlich nicht neutral betrachtet werden. Die Meinungen über dieses Tier sind durchgängig dichotom (zweigeteilt, d. Red.). Sie bilden extreme Standpunkte ab und sind wenig kompromissfähig.“ Der Wolf diene als Projektionsfläche für Wünsche, Hoffnungen und Gefährdungen, so der Psychologe. „Er wird genau zu dem, was man aus ihm macht, ohne sich wehren zu können. Aus diesem Grund ist der Wolf im Prinzip ein ganz armes Schwein.“

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Ein Raubtier, das Respekt verdient

Die einen würden im Wolf das edle Raubtier sehen, das man mit dem entsprechenden Respekt behandeln müsse, damit es nicht gefährlich wird. Der Wolf stehe als natürliches Wesen über der Kultur. Er war früher da, habe sozusagen Heimrechte. Der Wolf macht das, was er macht (zum Beispiel Schafe reißen), weil es seine Natur verlange und er sich das Recht dazu nicht nehmen lasse. „Nicht der Wolf kommt der Kultur zu nahe, sondern die Kultur ist selbst an dieser Entwicklung schuld, weil sie keinen Platz mehr für die Natur übrig lässt“, fasst Rolf Horak die Standpunkte dieses Lagers zusammen.

Die Gegenmeinung speise sich aus der Idee, „dass nun mal das Rad nicht mehr zurückgedreht werden könne.“ Der Wolf sei ein Relikt, das nicht mehr in diese Umgebung und Zeit passe. Er sei destruktiv, ein Raubtier, das hemmungslos wüte und daher aus dieser Region verbannt werden müsse.

Einem Schädling Grenzen setzen

Eingeräumt wird zwar, dass der Wolf früher einmal, vor Jahrhunderten, seine Existenzberechtigung auch hier in der Altmark hatte. Die heutige Ökologie jedoch sei zu sensibel, als dass sie zerstört werden dürfe. Und ebendies tue der Wolf, der nur seinen Trieben folge und daher zum Schädling werde, dem man enge Grenzen setzen müsse.

Für den Psychologen Rolf Horak bleibt aus diesen Interviews heraus festzustellen: „Der Wolf wird erst durch den Menschen wölfisch, mit all den negativen Zuschreibungen, die in dieser Charakterisierung stecken.“ Horak führt als Beispiel den dem Wolf zugeschriebenen Blutdurst an. Aber auch das andere, den Wolf romantisierende Extrem, sei schädlich, da es zu Konflikten zwischen Tier und Mensch führe.

Wie diese Konflikte zu lösen sein werden, bleibt eine spannende Frage. Die allerdings können die tiefenpsychologischen Interviews der Stendaler Studenten nicht beantworten.