Stendal l Schlagzeilen wie „Altmärker besonders von Armut bedroht“ geisterten jüngst durch die Medien. Das Thema ist nicht neu, bereits vor einiger Zeit hatten sich Landkreis Stendal, der Paritätische, das Netzwerk Kinderschutz&Frühe Hilfen sowie das Projekt „Partnerschaft für Demokratie“ dazu entschieden, einen Fachtag auf die Beine zu stellen. Einen Fachtag, in dem ein Blck auf die Armut im Landkreis Stendal gerichtet werden sollte. Über 100 Teilnehmer füllten am Donnerstag den großen Sitzungssaal des Landratsamtes. Und sie verließen ihn am späten Nachmittag vor allem mit etwas: einem neuen Blick auf die Gruppe der Betroffenen.

Dass es Armut auch im Landkreis Stendal gibt, hatte wohl auch vorher niemand der Anwesenden bezweifelt. Nur wie sie sich ausdrückt, das mag nicht jedem klargewesen sein. „Wo sehen wir sie, wo nicht“, hatte Moderatorin Nicole Anger vom Paritätischen Landesverband eine der Kernfragen formuliert.

Nicht nur in fremden Ländern

Denis Gruber, erster Beigeordneter des Landrates näherte sich dem Thema gedanklich von außen. „Als Soziologe bin ich mit dem Thema Armut vertraut, ich habe sie in den Slums in Indien erlebt, bei alleinstehenden russischen Frauen und bei Dorfbewohnern in Zentralasien“, zählte er auf. Doch Armut gebe es eben nicht nur in fernen Ländern. In Sachsen-Anhalt seien 130 000 Menschen unter 25 Jahren vom Armutsrisiko betroffen, das sei ein Viertel. Die Altmark stehe dabei auf dem dritten Platz.

„Wer ist hier arm“, diese Frage, die auch provokant aufgefasst werden könnte, stellte Prof. Jörg Fischer von der Fachhochschule Erfurt. Er beantwortete sie aber nicht mit einem Eröffnungsvortrag, „wie Sie es jetzt vielleicht erwartet hätten“, sondern gemeinsam mit den Konferenzteilnehmern, die ihm Assoziationen zum Thema Armut zurufen sollten. „Flaschen sammeln“, „kein Anteil am kulturellen Leben“, „Schlangen vor der Tafel“ sowie „Toast und Ketchup“ waren Begriffe, die schnell an der Tafel standen.

„Ich hätte genauso wie sie geantwortet“, ließ Fischer seine Zuhörer ahnen, dass da noch ein Aber kam. Und in der Tat: 80 Prozent der von Armut betroffenen Menschen seien eben nicht wahrzunehmen. Sie seien nicht die Personen, die Fernsehserien dargestellt würden. Er forderte eine Abkehr von Klischees.

Nicht sozial schwach, sondern finanziell

Und begann schon mit dem Begriff „sozial schwach“. Diese Menschen seien finanziell schwach, sozial schwach seien aber Steuerhinterzieher wie Uli Hoeneß. Auch dass arme Menschen mehr trinken würden als andere, bestritt er – „Die Gesellschaftsgruppe, die am meisten trinkt, sind Ärzte“. Und schließlich sollte mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, dass arme immer viele Kinder haben. Wenn schon, kämen sie durch die vielen Kinder in die Armut, nicht umgekehrt.

Um den Blick auf die Menschen mit sehr wenig Geld ging es auch Prof. Michael Klundt von der Hochschule Magdeburg-Stendal in seinem Vortrag. Schon seit Jahrtausenden werde ein Unterschied gemacht zwischen würdiger und unwürdiger Armut. Unwürdig waren aber eher die Betrachtungsweisen, die Klundt wiedergab.

Nur ein erster Schritt

Da gehe es dann darum, dass die Armen selbst schuld an ihrer Situation seien, dass es in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe nunmal so angelegt sei, arm zu sein, dass die Armut genetische Ursachen habe. Es werde mit Begriffen agiert wie „echte Kinderarmut“, „aber welche Kinderarmut soll es denn sonst sein“, fragte Klundt sarkastisch. Und dann gebe es noch die Vergleiche, wie es denn im Mittelalter gewesen sei, nach der Französischen Revolution, nach dem Krieg. „Man darf doch aber nicht vergessen, dass das alles andere Situationen waren“, mahnte Klundt. Jetzt gehe es um die Armutssituation in einem der reichsten Länder der Welt.

„Und die meisten Menschen möchten aus dieser Situation auch wieder hinaus und gar nicht mit der Schublade ,Armut‘ in Verbindung gebracht werden“, sagte Jugendamtsleiterin Kathrin Müller nach der Veranstaltung, zu der auch Arbeitsgruppen gehört hatten, die sich mit dem Thema auseinandersetzten. Breitgefächert war dabei die Herkunft der Teilnehmer, neben Vertretern aus Politik und Verwaltung das gesamte Spektrum der Kinder- und Jugendarbeit.

Viele hätten danach gesagt, einen neuen Blick auf die Armut bekommen zu haben, wollten die Impulse mitnehmen. „Die Konferenz“, so die Jugendamtsleiterin, „war nur der erste Schritt.“