Stendal l Wie so oft war es der Zufall, der nachhalf. Ohne besondere Absichten räumte Wolfgang List im Herbst des vergangenen Jahres sein Arbeitszimmer auf, als er plötzlich auf einen vergilbten Zeitungsartikel aus dem Altmärkischen Intelligenz- und Leseblatt stieß. Verfasst von seinem Großvater Karl List im Jahre 1917. Der Beitrag widmete sich ausführlich der astronomischen Uhr, die seit Jahrhunderten unter der Orgelempore der Marienkirche hängt. Großvater List erzählte die Geschichte des Unterküsters Ludwig Zimmermann. Der hatte die Uhr im Jahre 1856 unter persönlichem Einsatz gerettet und ihr ein neues Gangwerk verpasst.

Auch wenn die groben Angaben in dem Beitrag stimmten, fielen Wolfgang List doch einige Unstimmigkeiten auf. Damit war sein Forscherdrang geweckt. „Der interessante Bericht veranlasste mich zu tiefer gehenden Nachforschungen“, beschreibt der Eisenbahnhistoriker seine Motivation.

Idee für Buch reifte

War anfangs noch nicht ganz klar, was aus den Recherchen werden sollte, kristallisierte sich bald heraus, dass der Stoff durchaus Potenzial für mehr als einen Vortrag hatte. Als Wolfgang List im Stadtarchiv die alten Akten studierte, reifte in ihm die Idee, die Geschichte in Buchform zu gießen. Behilflich waren ihm dabei Reinhard Creutzburg, Archivbeauftragter des Kirchenkreises Stendal, und der Goldschmiedemeister Detlef Roever, der sich um die Wartung der Uhr kümmert.

Gut ein Jahr nach dem Start seiner Recherchen ging es vor Kurzem in den Druck und ist bereits in der Buchhandlung Genz in der Breiten Straße und in der Touristinformation im Stendaler Rathaus erhältlich.

Inhaltlich beschäftigt sich List im ersten Teil mit der Historie der Uhr. Er geht den entscheidenden Fragen nach: Wann wurde sie gebaut? Was war ihr ursprünglicher Standort? Im weiteren Verlauf des Buches schlägt Wolfgang List einen Bogen zur Geschichte des Retters der „Wunderuhr“ im 19. Jahrhundert. Er zeigt, welch ein Dasein ein Unterküster im 19. Jahrhundert fristete.

Nur wenige Pubklikationen bisher

Um dessen Lebensumstände zu verstehen, zeichnet der Autor andererseits die Entwicklung Stendals von einer Ackerbürgerstadt hin zu einer Stadt nach, in der sich im Verlauf des dynamischen 19. Jahrhunderts zahlreiche Gewerbe- und Industriebetriebe ansiedelten.

Doch waren es nicht nur die Erkenntnisse, die er aus dem Aktenstudium zog, die den Stendaler dazu bewogen, die Geschichte in Buchform zu publizieren. Er stellte nämlich fest, dass von den besagten Akten und einigen literarischen Quellen abgesehen im Laufe der Zeit erstaunlich wenig über die „Wunderuhr“ der Marienkirche geschrieben worden ist.

„Selbst in dem im Sommer 2020 erschienenen Werk ‚Die Kunstdenkmale der Stadt Stendal‘ taucht die astronomische Uhr im Bildteil nur mit einer Ansicht und im Textteil nur mit wenigen Sätzen auf“, merkt der Autor an. Die Folge: Das Kunstwerk werde so gut wie gar nicht wahrgenommen. Für Wolfgang List eine vergebene Chance: „Stadt und Kirche könnten mit diesem kultur- und kunsthistorischen Pfund großartig wuchern, denn die Zahl heute noch funktionierender ‚Wunderuhren‘ ist eng begrenzt.“