Stendal l Manchmal ist es ein langer Weg, bis aus Kunst eine Ausstellung wird. Denn zwar haben die Werke allein durch das Geschaffenwerden das Licht der Welt erblickt – aber sie deshalb gleich der Öffentlichkeit zeigen? Jutta Schulz ist so eine, die diese Frage lange Jahre mit einem Nein beschieden hat. „Ich wollte einfach meine Ruhe“, sagt sie lakonisch. Und Gabriele Bark ist so eine, die als Museumsleiterin mit sanfter Beharrlichkeit immer mal wieder nachfragte, ob sie nicht doch...? Und so kam es, dass nun schließlich doch ein Teil aus dem Schaffen von Jutta Schulz im Altmärkischen Museum in Stendal zu sehen ist. Es ist ihre erste eigene Ausstellung.

Andrang bei der Vernissage

„Das Schlimmste ist ja jetzt überstanden“, sagt Schulz beim Treffen mit der Volksstimme und wischt die Hand in ironischer Erschöpfungsgeste über die Stirn. Meint sie die Auswahl der Bilder? Die kann ja in der Tat nervenzehrend sein – nicht alles findet Platz, nicht alles passt zusammen, was in welchen Raum, in welchen Kontext... Aber nein, sie meint die Ausstellungseröffnung! Wenn Jutta Schulz darüber klagt, tut sie das nicht, um zu kokettieren. Sie mag es offenbar wirklich nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Und der war sie nun definitiv für die über 130 Vernissagebesucher.

Was die zu sehen bekamen, ist im Ausstellungstitel „Geformt – Variiert – Übermalt“ sehr treffend pointiert. All diese Handlungen treffen zu auf das Porzellan, die Pastell- und Acrylbilder, die Collagen. Und sind vielleicht auch ein Sinnbild für Schulzʼ Leben.

Bilder

Leeres Blatt ist uninteressant

Mit dem Porzellan, das sie erst im Studium und dann als Designerin durchs Leben begleitete, war es irgendwann gut. Zum Glück, sagt Jutta Schulz, hat sie dann das Kleben für sich entdeckt. Es bringt ihr Erfüllung. „Kleber, Schere und einen alten Katalog, mehr braucht man nicht. Und viel zu rauchen.“ Die Zigaretten für sich selbst, das schöne Goldpapier aus dem Packungsinneren für die Bilder.

Für ihre flächigen Werke in Pastell und Acryl verwendet sie oft einfach Pappe, Plakate, unvollendete Bilder von Kunstkursteilnehmern oder alte eigene. Eigene Bilder übermalen, tut das nicht weh? „Ach was, man selbst verändert sich ja auch“, sagt sie in vollem Bewusstsein ihrer sieben Lebensjahrzehnte. Außerdem: „Wo soll ich mit all den Sachen hin? Meine Wohnung ist dafür zu klein.“ Ganz praktisch-pragmatisch. Sie braucht dieses Bestehende, um daraus Eigenes werden zu lassen. Einem leeren Blatt schenkt sie keine Beachtung. „Ich brauche die Anregung, ich gucke etwas an und in meinem Kopf entsteht eine Idee.“

Das berühmte Porzellan

Jutta Schulz prahlt nicht mit ihrem Werk. Und so ist es vielleicht auch nur Zufall im Gesprächsverlauf, dass sie der indifferenten Porzellanbetrachterin doch noch unaufdringlich mitteilt, dass das da in der Vitrine ziemlich berühmte Sachen sind. Das Teeservice „Poesie“ hat sie während ihrer Zeit als Designerin in Meißen in den 1970er Jahren entworfen. Es wird bis heute produziert und findet sich auch im Ausstellungskatalog zur aktuellen Bauhausausstellung „Reine Formsache“ in Selb.

Jutta Schulz hat auch keine dezidierte Absicht – soll doch der Betrachter sehen, was all das mit ihm macht. Das ist ihre Auffassung von Kunst: „Man kann nie wissen, ob etwas Kunst ist oder wird. Es muss durch einen hindurch, und ich als Betrachter frage mich: Hat es mit mir zu tun, geht es mich an?“

Führung am 19. Mai

Sehr produktiv sei sie nicht, sagt Jutta Schulz, die offenbar ein sehr entspanntes Verhältnis zum Kunstschaffen hat. „Es gibt Künstler, die müssen, und Künstler, die können“, rezitiert sie einen alten Spruch. Und sie müsse nicht. „Ich kann auch in Urlaub fahren, ohne ständig an Kunst zu denken oder malen zu müssen.“

Die Ausstellung „Geformt – Variiert – Übermalt“ von Jutta Schulz ist bis 28. Juli im Altmärkischen Museum in Stendal zu sehen. Am Sonntag, 19. Mai, dem Internationalen Museumstag, führt die Künstlerin um 15.15 Uhr nochmals persönlich durch die Schau.