Stendal l Gleis 1 – das ist mittlerweile zu einem Synonym für die Stendaler Bahnhofsmission geworden. „Die Helfer von Gleis 1“ werden sie zuweilen genannt oder „die Helfer in den blauen Westen“. Denn das sind die wichtigsten Orientierungspunkte, um zur Bahnhofsmission zu finden. Vor knapp sieben Jahren nahm sie in Stendal ihren Dienst wieder auf. Seither war wohl kein Jahr wie das andere, gab es Wechsel in der Leitung wie im Mitarbeiterteam. Es gab viele routinierte Tage, aber auch viele Geschehnisse, die sich einprägen.

Einmischen und helfen

Allein mit Blick auf das aktuelle Jahr könnten die Mitarbeiter so einiges erzählen. Da ist der defekte ICE, der im Hochsommer hier nothält, die Reisenden müssen gelenkt und mit Getränken versorgt werden. Die Bahnhofsmission hilft. Da sind die beiden Jungs, die auf dem Gleis langlaufen, während die Eltern am Bahnsteig mit ihren Handys beschäftigt sind. Die Bahnhofsmission mischt sich ein. Da ist die Frau mit Kind, die aus ihrem Notobdach im Frauenhaus sicher an einen anderen Ort fahren können soll. Die Bahnhofsmission unterstützt. Und da ist der Reisende, der von der Bundespolizei festgenommen werden soll, sich wehrt, dabei einen der Polizisten verletzt und einen anderen Reisenden umstößt. Die Bahnhofsmission ruft den Rettungsdienst.

Auf alles gefasst sein

„Ja, so was passiert hier alles“, sagt Annette Seher mit lakonischem Lächeln. Sie leitet die Stendaler Bahnhofsmission seit Januar 2018. „Und die Arbeit kann auch mal gefährlich sein, wie das letzte Beispiel zeigt.“ Aber das ist die Ausnahme. Und es ist nicht so, dass in der Bahnhofsmission jeden Tag die Welt kopfsteht, manchmal passiert eben auch gar nichts, benötigt niemand Hilfe. Und doch sind die Helfer in den blauen Westen da und auf alles gefasst.

Das Spektrum der Aufgaben und der Art der Hilfe erweitert sich im Grunde mit jedem Tag. Denn jeden Tag kann Unvorhergesehenes geschehen, müssen die Mitarbeiter der Bahnhofsmission darauf reagieren – müssen Entscheidungen treffen, müssen wissen, was zu tun ist, wer im Zweifelsfall unterstützend hinzugezogen oder benachrichtigt wird. Und bei all dem müssen sie vor allem eines: besonnen bleiben. Und dennoch resolut.

Menschenkenntnis gefragt

Es mag ein auf den ersten Blick schlichtes Ehrenamt sein, das die Mitarbeiter da ausfüllen – und doch ist es ein sehr verantwortungsvolles, bei dem Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen gefragt sind. „Wir erleben hier die Bandbreite des Lebens“, sagt Annette Seher. Und sie hat für sich diese eine treffende Formulierung gefunden: „Wir helfen Menschen, die auf Reisen oder im Leben gestrandet sind.“

Wir – das sind zurzeit neun Ehrenamtliche, darunter zwei Männer. „Wer eine Aufgabe sucht und sich engagieren möchte, ist bei uns willkommen, egal, welchen Alters“, sagt Seher. Bis vor Kurzem hatten sie eine 20-Jährige im Team, aber auch die 74 ist kein Hindernis.

Manche spenden regelmäßig

Die Arbeit der Stendaler Bahnhofsmission wird vom Evangelischen Kirchenkreis Stendal getragen, das Budget dafür liegt bei rund 19.000 Euro. Dennoch sind Geldspenden nicht überflüssig. „Die gehen in den Gesamthaushalt mit ein“, erklärt Annette Seher, „womit Aufwandsentschädigungen der Ehrenamtlichen, Verwaltungs- und Telefonkosten, aber auch Reinigungsmittel bezahlt werden.“ Miete muss die Bahnhofsmission nicht zahlen, die Räume stellt die Deutsche Bahn kostenlos zur Verfügung.

Es gibt Menschen, die spenden regelmäßig, so wie eine Frau, die jedes Jahr 100 Euro überweist. In der Spendenkiste auf dem Tresen finden sich monatlich rund 20 Euro. Aber auch Sachspenden werden benötigt – denn nicht in jeder Lebenslage hilft die menschliche Wärme weiter. Manchmal muss es einfach nur eine warme Hose sein.

Am 1. Dezember lädt die Stendaler Bahnhofsmission in ihren Räumen an Gleis 1 zum Adventskaffee mit Andacht und Musik. Beginn ist um 15 Uhr.