Stendal l Als Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland hat Marcus Graubner regelmäßig in der Hauptstadt zu tun. „Ich würde gern öfter mit dem Zug fahren, auch wegen der deutlich kürzeren Fahrzeit“, versichert der Tangerhütter – und dennoch steigt er lieber ins Auto und nimmt den Berliner Großstadtverkehr auf sich. Ein Grund: die noch immer fehlende Barrierefreiheit auf dem Stendaler Bahnhof. Für ihn mit einer Gehbehinderung bedeutet jede Treppe eine große Hürde, aber auch die zu niedrigen Bahnsteige, die ihm das Aussteigen zum Beispiel aus dem Regionalzug von Tangerhütte fast unmöglich machen.

Darum wiederholte er beim Lokaltermin des Kreis-Behindertenbeirates, dessen Vorsitzender Marcus Graubner ist, die Forderung nach Fahrstühlen und den notwendigen Arbeiten an den hinteren Bahnsteigen. Denn: „Gleis 1 ist sehr gut, so muss es sein“, berichtete Lolita Graubner aus ihrer Erfahrung. Im Rollstuhl kann sie von zwei Seiten diesen Fernbahnsteig erreichen, ohne das Bahnhofsgebäude durchqueren zu müssen. Um auf andere Bahnsteige zu gelangen oder um Hilfe beim Einstieg von den zu nie­drigen Bahnsteigen in den Zug zu bekommen, müsste sie aber vorher Hilfe, zum Beispiel von den Ehrenamtlichen der Bahnhofsmission, organisieren.

Lesbare Informationen

Dass es aber selbst von Bahnsteig 1 aus schwierig für sie ist, in die Wartehalle mit Servicecenter, Backshop und Zeitungsladen zu gelangen, demonstrierte sie während der Erkundungstour, die der Kreis-Behindertenbeirat zusammen mit Johanna Michelis vom Örtlichen Teilhabemanagement organisiert hatte. Nur mit Mühe gelang es Lolita Graubner, etwas schräg auf der Rampe stehend, die schwere Tür zur Wartehalle zu öffnen. Selbstöffnende Schiebetüren wären eine Alternative. Oft aber steht die Tür offen, dann stellt sie für Rollstuhlfahrer kein großes Hindernis dar.

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Während bauliche Mängel für die Graubners die Hauptbarrieren darstellen, sind es für Alexander Adler und Reiko Lühe die im Service. Denn der 1. und der 2. Vorsitzende des Altmärkischen Gehörlosenvereins, beide sehr reisefreudig, sind auf lesbare Informationen angewiesen. „In den meisten Zügen funktioniert es schon gut, besonders im Regionalverkehr hat es sich sehr verbessert“, sagte Reiko Lühe. Die nächste Haltestelle wird in fast allen Zügen angezeigt, aber Hinweise auf Verspätungen oder auf Gleisänderungen gibt es nicht immer im Laufband oder auf dem Bildschirm, auf den Bahnsteigen und in einigen Zügen oft sogar nur als Durchsage – und damit geht den Gehörlosen diese Information verloren. Eine wichtige Information zum Beispiel, wenn beim Umsteigen schnell ein Anschlusszug erreicht werden muss. Lühe nutzt eine Internet-App der Deutschen Bahn, um auf dem Laufenden zu sein. Ein solches Internetangebot speziell für den Stendaler Bahnhof, das wünscht er sich.

Für die Tour hatte er vorgeschlagen, einmal die Bestellung und Nutzung des Rufbusses zu testen. Und darum ging es mit der Bahn von Stendal nach Tangermünde, von dort mit dem Rufbus nach Tangerhütte und dann mit der Bahn zurück nach Stendal. Bestellt wurde der Rufbus am Vortag per Fax. Ein Fax, berichtete Reiko Lühe während der Zugfahrt über ein anderes Problem, kann ein Gehörloser auch bei einem medizinischen Notfall an die Leitstelle schicken. Aber: Wer hat bei einer Reise schon ein Faxgerät dabei? „Es wäre schön, wenn wie in anderen Bundesländern und Landkreisen in Sachsen-Anhalt auch in der Altmark die Möglichkeit geschaffen wird, im Notfall eine SMS an die 112 zu schicken“, sagte der Bertkower.

Mit im Rufbus saßen Ronald Müller vom Heimbeirat der Lebenshilfe-Wohngruppe an der Stendaler Fichtestraße und Lolita Graubner. Ihr Tipp an Betroffene: „Für die Bestellung des Rufbusses sollte man sich Zeit nehmen und darauf hinweisen, dass Hilfe benötigt wird. Dann kann der Busfahrer zum Beispiel gleich näher an den Bordstein ranfahren, wenn jemand mit dem Rollstuhl ins Fahrzeug muss.“

Zurück am Stendaler Bahnhof. Lolita Graubners ernüchternde Feststellung: „Wer es als Rollstuhlfahrer kann, vermeidet es, von dort zu reisen.“ Eine Meinung, die Marcus Graubner schon von vielen anderen Menschen mit Handicap gehört hat. „Wer kein Auto hat, ist aber auf die Bahn angewiesen. Und wer sie wegen der Barrieren nicht nutzen kann, fühlt sich ausgeschlossen“, sagt er.