Stendal/Alcala l Gute Nachrichten sind selten geworden um Daraga und Legazpi City. Die einzige gute ist, dass der Stand der Corona-Infektionen in der Region nach wie vor bei 0 liegt. Zu den guten Nachrichten zähle ich auch die zum Teil doch drastischen Maßnahmen der philippinischen Regierung, eine weitere Ausbreitung von Covid-19 mit allen Mitteln zu verhindern. Vor allem im Großraum Manila hat sich die Epidemie doch stark ausgebreitet. Aus diesem Grund gilt hier schon seit einige Zeit der „Luzon Lockdown“ (Zentralverriegelung, Ausnahmezustand). Für mich war das die erste schlechte Nachricht, denn es führte kein Weg mehr zum Flughafen der philippinischen Hauptstadt.

Seit diesem Montag führt vom Dörfchen Alcala, in dem ich lebe, auch kein Weg mehr in die drei Kilometer entfernte Nachbarstadt Daraga/Legazpi City. „Luzon Lockdown“ greift auch hier voll durch. Mittlerweile stehen die gesamten Philippinen unter Quarantäne.

Letzte Gelegenheit zum Einkauf genutzt

Die Bewohner sind am Sonnabend aufgerufen worden, sich am Wochenende mit Lebensmitteln zu bevorraten. Denn ab Montag sind alle Geschäfte für zwei Wochen geschlossen. Auch die Supermärkte und der so beliebte Obst- und Gemüsemarkt in Daraga, die bisher auch an den Sonn- und Feiertagen geöffnet waren, sind geschlossen. Trycicles (Dreiräder) fahren seit Montag ebenfalls nicht mehr, womit das öffentliche Leben zum Stillstand kommt.

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Ich habe am Wochenende noch einmal die Gelegenheit zum Einkauf genutzt. Ich bin bis nach Daraga gekommen. Dann wollte mich eine Miarbeiterin der Einsatzgruppe Covid-19 an einer Kontrollstelle nicht mehr weiterlassen – wohl, weil ich so ausländisch aussehe. Alle Filipinos durften nämlich passieren. Zum Glück begleitete mich Maricel Seva, die Mutter „meiner“ Familie in Alcala. Nach einem Wortgefecht, das sie mit der Beamtin führte, wurde ich dann schließlich doch durchgelassen. Was sehr wichtig für mich war. Denn ich brauchte unbedingt Medikamentennachschub für die kommenden zwei Wochen. Ansonsten haben wir Lebensmittel, Joghurt, Milch, Tütensuppen, Naschereien für die Kinder, Drogerieartikel und insgesamt bestimmt zehn Kilo Obst eingekauft, davon etwa die Hälfte Mangos, die hier wirklich sehr köstlich sind.

Zum Abschluss ging es dann noch zu Jollibee, vergleichbar mit Mc Donalds. Dort eintreten durfte ich erst nach einer Temperaturmessung von der Stirn durch einen Police-Officer. Mit 35,8 Grad war er schließlich sehr zufrieden, verwies mich aber zugleich darauf, mir mit einer bereitstehenden Sprühflasche anschließend zuerst die Hände zu desinfizieren. An Checkpoints musste ich mir übrigens auch schon mehrfach den Blutdruck messen lassen. Es gab überall lange Schlangen. Bis in den Supermarkt hinein haben wir drei Stunden gebraucht .

Über die Einhaltung der Verordnung wachen die Behörden. Selbst im Dorf sind bereits Kontrollstellen eingerichtet worden. Für Verstöße drohen empfindliche Strafen – auf den Philippinen bis hin zu Gefängnis. Konkret heißt das für mich: Die nächsten 14 Tage muss ich eine Hausquarantäne einhalten. Keine gute Nachricht! Ich hoffe, dass danach dann auch endlich wieder Flüge stattfinden werden. Denn ich möchte hier nicht wirklich zum Filipino werden.

Logisch, dass der „Lockdown“ im Dorf derzeit das Gesprächsthema Nummer eins ist. Die Menschen machen sich große Sorgen um die Zukunft ihrer Familien, um die eigene Zukunft und um die Zukunft ihres Landes. Wenn ich ihnen dann aktuelle Zahlen von Erkrankungen und Toten in Deutschland und Europa zeige, bringen sie mir zumeist ihr tiefes Mitgefühl zum Ausdruck: „So sad“ (so traurig). Ja, das ist es auch!

Familie wurde der Mitvertrag gekündigt

Zu den schlechten Nachrichten gehört weiterhin, dass ich seit Freitag praktisch „auf der Straße“ stehe. Ich und „meine“ siebenköpfige Familie Seva in Alcala, mit der ich seit zwei Jahren eine enge Verbindung pflege. Obwohl die Sevas keine Außenstände bei ihm haben, kündigte der Hausbesitzer am Freitagnachmittag knall und fall den Mietvertrag mit sofortiger Wirkung. Er beanspruche das Haus schon ab dem nächsten Tag für eigene Zwecke, begründete er. Deshalb müsse es von den Sevas bis zum Sonnabend komplett geräumt sein.

Ich sah das Entsetzen in den Gesichtern der fünf Kinder und ihrer Eltern – und auch mir fehlten die Worte. In Deutschland würde es so etwas nie geben. Auf den Philippinen ist alles möglich. Vor allem, wenn es sich um sehr Arme handelt, die sich nicht wehren können.

In einer wahren „Nacht- und Nebelaktion“ wurde alles zusammengepackt und „umgezogen“. Sechs Trycicle-Ladungen voll mit Möbeln und allem anderen, was zum Haushalt gehörte. Ich habe jedes Mal gestaunt, was so alles auf und in dieses Dreirad passt. Bei der Schwester herrscht jetzt einmal das sprichwörtliche Chaos, aber die Familie und auch ich sind erst einmal froh, in Sicherheit zu sein.

Zur Begrüßung für uns war übrigens „Kamote“ gekocht worden, eine Suppe aus den Früchten und Wurzeln der philippinischen Süßkartoffel. Ein sehr süßes Gericht, wie ich feststellen musste.