Stendal/Wanaka l Öffnet Lydia Gottschalk die Tür ihres Campingwagens, strahlt ihr morgens die Sonne ins Gesicht. Fünf Gehminuten entfernt sieht sie den Wanaka See und dahinter eine Silhouette von Bergen, beschreibt die Studentin ihre Umgebung in Wanaka/Neuseeland. Es klingt wie Urlaub. Doch den Aufenthalt auf dem Campingplatz haben sie und ihr Freund Mattis Laßbeck sich nicht ausgesucht. Das Land ist im Lockdown und die rund vier Quadratmeter in ihrem Wohnwagen sind bis auf weiteres ihr Zuhause.

Lydia Gottschalk flog am 26. Februar 2020 nach Sydney. Ihr Freund macht in Australien ein Jahr „Work & Travel“. Drei Tage später, am 29. Februar, flogen beide nach Neuseeland weiter, um dort ihren gemeinsamen Urlaub zu verbringen. Drei Monate haben sich die Stendaler Studentin und der Zimmermann nicht gesehen. Den kompletten März wollten die beiden zu zweit verbringen und durch Neuseeland reisen.

Vier Wochen Lockdown in Neuseeland

In 48 Stunden kommt der Lockdown, erfährt das Pärchen in Queenstown am 25. März. Das Land war in Aufruhr, sagt die 22-Jährige. Läden schlossen und jeder hat versucht, sich selbst zu organisieren. Das Land wird für vier Wochen dicht gemacht. Seit dem 27. März sitzt das Pärchen auf dem Campingplatz in Wanaka fest und wartet darauf, aus dem Land geflogen zu werden.

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„Ich komme mit zurück“, sagt Mattis Laßbeck. Der Zimmermann plante eigentlich, nach dem gemeinsamen Urlaub mit seiner Freundin sein Jahr Work & Travel bis Dezember dieses Jahres in Australien fortzusetzen. Seine Wohnung dort wird er nicht mehr wiedersehen. Er könnte den Lockdown in Neuseeland abwarten, aber seine Chancen als Deutscher trotz Arbeits-Visum wieder in Australien hineinzudürfen, schätzt er äußerst gering ein.

„Man darf sich nicht wegbewegen“, sagt die Studentin für Rehabilitationspsychologie. Wanaka dürfen sie erst wieder verlassen, wenn sie die Flugtickets nach Deutschland in der Hand halten. Für das Rückholprogramm hat sich das Pärchen angemeldet. Genau wie 12.000 andere Deutsche, die in Neuseeland festsitzen. „Man weiß nie, wann man selber dran ist.“

Tage in Quarantäne immer ähnlich

Die Tage in Wanaka verlaufen immer ähnlich, beschreibt Lydia Gottschalk. Nach dem Aufstehen wird die Campertür geöffnet und bei Sonnenschein im Bett gefrühstückt. Möglichkeiten für Unternehmungen sind begrenzt, also wird direkt überlegt, was es zum Mittag und Abendbrot gibt „Man hangelt sich von einer Mahlzeit zur nächsten“, sagt die Studentin.

Einmal am Tag gehen die beiden spazieren und abends wird auf dem Fernseher im Camper, der nur einen DVD-Spieler hat, vielleicht ein Film geschaut. „Man verbringt seine Zeit viel am Handy.“ Nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch, um keine Nachrichten zu verpassen. Sollte die Meldung vom Auswärtigen Amt für den Rückflug kommen, hätten sie nur eine Stunde Zeit, den Flug zu bestätigen. Danach gehen die Plätze an die nächsten in der Warteschlange.

Aufgezwungenes Dauercampen

Die Sanitärsituation ist zudem strickt geregelt. Im Hauptgebäude des Campingplatzes gebe es öffentliche Toiletten und Duschen. Die wurden aufgeteilt. Das Pärchen teilt sich ein Waschbecken, eine Dusche und eine Toilettenkabine. „Man soll sich so verhalten, als hätte man das Virus.“ Jeder solle in seiner „Blase“ bleiben und Abstand halten.

„So stelle ich mir Dauercampen vor“, sagt Lydia Gottschalk. Wäre da nicht der Zwang, auf dem Campingplatz bleiben zu müssen. Den einzigen Ort, den die beiden außerhalb des Geländes besuchen dürfen, ist ein Supermarkt in der Nähe.

Dort sind die Regeln etwas strenger als in Deutschland. Vor dem Supermarkt bilden sich regelmäßig Schlangen mit zwei Metern Abstand zwischen den Personen. Das Gebäude darf nur einzeln betreten werden. An der Kasse packt die Kassiererin die gekaufte Ware in einen neuen Einkaufskorb, der dann nach draußen genommen werden muss, bevor die Ware eingepackt werden darf. „Es gibt kein Cash mehr“, sagt Mattis Laßbeck. Um Kontakt zu vermeiden, dürfe nur noch bargeldlos gezahlt werden.

Neben dem strengen Einkaufserlebnis fühlt sich das deutsche Pärchen aufgrund der Corona-Krise insgesamt nicht mehr wohl in Neuseeland. „Uns wurde aus dem Auto schon der Mittelfinger gezeigt“, sagt Lydia Gottschalk. Als deutsche Touristin habe sie nun ein mulmiges Gefühl, wenn sie Neuseeländer sieht. Die Einheimischen machen ihr deutlich, dass sie die Deutschen nicht im Land haben wollen.

Zwei Wochen Selbstquarantäne

Lange muss das Pärchen nicht mehr warten. Die erleichternde Nachricht kam am Dienstag, 7. April. Der Rückflug ist gebucht. Am Donnerstag, 9. April, geht es zurück nach Deutschland.

Dann gehe es zunächst in die Selbstquarantäne, erklärt die Studentin. Sie kommt aus Mecklenburg, wo ihre Familie auch ein Ferienhaus hat. Nach der Rückkehr werden sich Lydia Gottschalk und Mattis Laßbeck dort zur Sicherheit nochmals zwei Wochen von der Außenwelt abschotten.