Stendal/Tangermünde/Havelberg l Wenn Michael Schmidt als Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DeHoGa) in Sachsen-Anhalt, von einer „brisanten Situation“ spricht, wie die Volksstimme berichtete, ist das scheinbar noch untertrieben. „Wir steuern auf eine Katastrophe zu, wenn die Zwangsschließung länger als April dauert“, sagt Antonius Sticca.

Er betreibt das Restaurant Italia im Stadtzentrum von Stendal. „Immer gut besucht, immer viel zu tun“, sagt der aufgeschlossene und sympathische Chef. Nun hat der Italiener alle 15 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und probiert, sich mit Lieferdienst und Abholung von Speisen über Wasser zu halten. Dort, wo sonst das Eis außer Haus verkauft wird, geht gestern das erste Essen über die Theke. Im Inneren erklingt Beifall von den drei Familienmitgliedern, die die Stellung halten. „Danke für Ihre Treue“, heißt es zum Abschied.

Auf Lieferservice umstellen

So wie Sticca öffnen auch andere Betreiber von Gaststätten und Imbissläden im Landkreis ein Fenster oder eine Tür, um die Einbußen ein wenig abfedern zu können. Denn erlaubt ist in der Corona-Krise nur noch Essen außer Haus.

Ein Hotel ist keine Pizza, deshalb die Not um so größer. „Es geht gar nichts mehr“, sagt Maria Sellent. Sie und ihr Ehemann Stefan betreiben zwei Hotels und eine Pension in Stendal. Für die strengen Maßnahmen, um eine Ausbreitung mit dem Covid-19-Virus einzudämmen, haben sie Verständnis. Doch die Last der Sorgen werde dadurch nicht geringer.

Alle Betten leer, ohne Ausnahme

An der Tagesordnung sind in der Hotel-Branche Stornierungen bis in den Mai hinein und länger. Hochzeiten, Gruppentreffen und Feiern fallen aus, Tagungen sind abgesagt. Hinzu kommt das Reiseverbot, ob von Touristen aus dem In- oder Ausland.

So sind die Betten leer, nur sehr wenige werden von Geschäftsreisenden gebucht. Die Mitarbeiter sind nach Hause geschickt worden. Da gibt es im Landkreis Stendal keine Ausnahme. Im Altstadt-Hotel und den Häusern der Sellents mit insgesamt 115 Betten sind die 14 Beschäftigten „für Kurzarbeit angemeldet“, sagt Maria Sellent.

Corona-Gutschein

Die Existenzsorgen um sich und die 55 Mitarbeiter haben Stine Pohl schlaflose Nächte bereitet. Gemeinsam mit Tiemo Schönwald betreibt sie in Tangermünde die Exempel-Schlafstuben und zwei weitere Hotels, ein Restaurant, ein Café und einen Shop. „Nun haben wir den gesamten Betrieb runter fahren müssen und eine Idee meiner Geschäftspartnerin zum Laufen gebracht“, sagt der 50-Jährige Mitinhaber. Sie trägt den Namen Corona-Unterstützungsgutschein und „ist erstaunlich gut angenommen worden“, so Schönwald. Er sei erst skeptisch gewesen, dachte, es mache den Eindruck einer Bettelei. „Doch schnell habe ich gemerkt, unsere höfliche Bitte um Unterstützung wird akzeptiert.“

Mit dem Gutschein kann man den Service in den Exempel-Häusern und Gaststuben kaufen, „ohne ein zeitliches Limit für die Einlösung“, erläutert der Tangermünder. Auf der Internetseite wird darüber informiert und als Geschenk empfohlen. „Für sich selbst oder vielleicht für eine Krankenschwester, einen Arzt, eine Kassiererin ...“, sagt Tiemo Schönwald. Sie haben alle Namen der Mitarbeiter auf der Homepage aufgeführt, um sich bei dem Gutscheinkäufern für Hilfe zu bedanken.

Deutliche Worte von Merkel

Ungewollte Betriebsruhe auch im Schlosshotel in Tangermünde. Die Geschäftsführerin Melanie Busse ist schon in der Vorwoche auf den gänzlichen Wegbruch des Geschäfts vorbereitet gewesen. Für den Alleingang von Sachsen-Anhalt, was die Vorgaben im Hotel- und Gaststättengewerbe betrifft, hat sie kein Verständnis. „Die Ansprache der Bundeskanzlerin Angela Merkel war doch eindeutig“, sagt Melanie Busse und fügt hinzu: „Wir sitzen alle in einem Boot und müssen die Bewältigung der Krise gemeinsam durchziehen.“ Die jetzt verfügte Kontaktsperre ist zwar hart, aber sinnvoll. „Nur so kann verhindert werden, dass sich die Ausbreitung des Coronavirus weiter dahin schleppt.“

Wenn sie nun mit ansehen muss, wie die 76 Hotelbetten und all die Plätze im Restaurant, auf der Terrasse mit Blick auf die Elbe und im Tagungszentrum leer sind, und wenn es im Schwimmbad nur noch mucksmäuschenstill ist, „sind meine Gedanken in erster Linie bei meinen 40 Mitarbeitern“, sagt die Geschäftsfrau. Ihr dringlichster Wunsch ist, „dass die Politik ernst macht und das Kurzarbeitergeld wirklich anhebt. 60 Prozent für eine alleinerziehende Mutter mit Kind, das ist echt nicht viel.“ Auch die von der Hotellerie lebenden Firmen, ob ein Spargelbauer oder eine Wäscherei, schließt Melanie Busse in ihre sorgenvollen Gedanken ein.

Sack Reis in China

Ebenso hält es Renate Lewerken, Geschäftsführerin des ArtHotels Kiebitzberg in Havelberg: „Man muss kein Prophet sein, um zu behaupten, es wird in unserer Branche und vielen anderen Bereichen böse Einbrüche geben.“ Die Corona-Krise verdeutlicht einmal mehr die wirtschaftlichen Zusammenhänge und Abhängigkeiten. „Es ist eben nicht egal, ob in China ein Sack Reis umfällt“, sagt die Chefin des 70-Bettenhauses samt Restaurant und mahnt: „Gerade im Mittelstand ist doch alles haarscharf auf Kante genährt.“

Deshalb hat die Havelbergerin, die die 16 Beschäftigten ihres Familienbetriebs in Kurzarbeit schicken musste, eine klare Forderung an die Regierung: „Es müssen jetzt direkte Liquiditätszuschüsse her. Das heißt, Geld für jeden, dessen Existenz durch Corona bedroht ist.“ Warum so eindringlich? Nach dem Hochwasser 2013 „sind viele Versprechen nicht eingehalten worden“.