Stendal l Es wird ungewöhnlich zugehen, wenn St. Jacobi als eine der ersten Gemeinden im Kirchenkreis Stendal am Sonntag um 9.30 Uhr wieder die Türen zum Gottesdienst öffnet. Zunächst werden die Besucher am Eingang drei Ordnern begegnen, die sie in die Kirche geleiten. Hinein darf man nur mit Mundnasenschutz, wer keinen hat, bekommt von der Kirchengemeinde einen ausgehändigt. In den Sitzreihen wird es markierte Plätze geben, wer zusammenwohnt, darf freilich auch zusammensitzen. „Der Zugang soll zügig erfolgen und ohne Gruppenbildung vor oder in der Kirche“, betont Pfarrer Thomas Krüger, der sich diesen Plan ausgedacht hat.

Kein Körperkontakt

Es solle auf jeglichen Körperkontakt verzichtet werden, was auch bedeutet, dass es keine Friedenszeichen, keine Kindersegnung, keine Handreichung nach dem Abendmahl gibt. Und die Kollekte wird am Eingang in zwei Behältnissen eingesammelt.

Doch all dies waren und sind für den Jacobi-Pfarrer nur vermeintliche Probleme, die sich bewältigen lassen. „Wenn es für die Gemeinde gut ist oder gar nötig, dann feiere ich so ausgiebig wie möglich und löse halt die technischen Fragen.“

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21 kleine Kelche

Das Feiern steht für ihn im Mittelpunkt – nicht als Partymensch, sondern als Pfarrer. „Wir wollen wieder mit Gottesdiensten anfangen, weil wir das Leben feiern wollen.“ Nach acht Wochen Entbehrung menschlichen Beisammenseins und eben auch des Feierns wichtiger Anlässe im Leben sei es an der Zeit, diese „grundlegende menschliche Eigenheit“, dieses Bedürfnis wieder zur Geltung kommen zu lassen. „Und zum Feiern gehört, zusammen zu essen und zu trinken, darum feiern wir auch das Abendmahl.“

Auch hierfür gibt es freilich einen neuen Ablauf: Statt des einen großen Kelches, aus dem der Messwein getrunken wird, werden auf drei Tische verteilt 21 kleine Kelche aufgestellt sein, die von den Gästen selbst aufgenommen werden. Die Hostie liegt jeweils auf einem kleinen Tellerchen, der Patene, dabei. Gibt es mehr als 21 Interessenten, wird es nach Desinfektion der Becher eine zweite Abendmahlsrunde geben. Diese kleinen Kelche waren in Jacobi sogar noch vorhanden, stammen aus den 1920er Jahren. „Auch zur Zeit der Spanischen Grippe wurden solche genutzt“, erzählt Krüger.

Der Blick nach oben

Den Gottesdienst wird der Pfarrer nach einer stark symbolischen Dramaturgie aufbauen. Es geht darin ums Erinnern, um Verlust und Abschiednehmen, aber auch um den hoffnungsfrohen Blick nach vorn. Ostern, auch wenn es bereits vorüber ist, spielt darin eine wichtige Rolle und spiegelt metaphorisch unser derzeitiges Leben im Krisenmodus wider: „Da war der Blick zum Kreuz, dann der Blick ins Grab, und dann, nach der Wiederauferstehung, zum Sonnenaufgang, der Blick nach oben.“ Und genau zu einem solchen Blick nach oben, ins Helle, möchte Thomas Krüger seine Gemeinde ermuntern: „Wir müssen uns von düsteren Prognosen und Befürchtungen lösen, um lebensfähig, lebensbejahend zu sein.“

Summen statt singen

Ein Quantum Wehmut bleibt indes: Gesungen werden darf in den Gottesdiensten noch nicht wieder – und ausgerechnet der kommende Sonntag, wenn sich das öffentliche Gemeindeleben wieder entfaltet, ist nach kirchlicher Bezeichnung der Sonntag Kantate, was eben „singen“ heißt.

Aber auch dafür hat Pfarrer Krüger, in gewohnt verschmitzt-findiger Manier, einen Ausweg: „Es werden keine Gesangbücher ausgeteilt, aber die Orgel wird einen bekannten Choral spielen, und wer ihn auswendig kann, kann doch mindestens innerlich mitsingen. Oder mitsummen, das geht ja auch.“

Nach erster Überblicksschätzung hätten fast 50 Leute in St. Jacobi Platz. „Bislang waren es normalerweise so um die 40 Teilnehmer“, sagt Thomas Krüger. Ob am Sonntag letztlich viele in die Kirche kommen oder nur wenige, ist für ihn aber nicht entscheidend: „Und wenn es nur einer ist, ist es für ihn das Richtige, und dann ist es gut.“