Stendal l Christopher Petzott schaut auf sein Handy. Kurz hat es vibriert. Ist etwa ein Auftrag reingekommen? Braucht ein Stendaler, der wegen der Pandemie seine Wohnung nicht mehr verlassen darf, noch eine Packung Spaghetti, um die Quarantäne halbwegs störungsfrei zu überstehen? Petzott, den in Stendal alle „Pumuckl“ nennen, gibt Entwarnung. Nein, seine Dienste als Corona-Helfer sind gerade nicht gefragt. Also führt der Weg nach dem Gespräch mit dem Volksstimme-Reporter nicht geradewegs in den nächsten Supermarkt, sondern wie geplant zum Mittagessen mit einer Freundin. In Bereitschaft bleibt der 30-Jährige trotzdem, bis am Nachmittag dieses ungemütlichen Wintertags seine Schicht als Taxifahrer beginnt.

Organisiert wird die Hilfe von den „Engagierten Menschen“, einem Zusammenschluss verschiedener ehrenamtlicher Gruppen. „Wir haben insgesamt gut 40 Helfer“, sagt Monique Reimer von der Initiative „Engagierte Stadt“. Sie ist in die Koordination jener eingebunden, die man in den Zeiten der Pandemie wohl als Alltagshelden bezeichnet. Menschen, die denjenigen helfen, die selbst nicht mehr dazu in der Lage sind. Aus welchen Gründen auch immer.

Unterstützung gegen Einsamkeit

Bei einigen wohnen die Kinder mehrere Hundert Kilometer weit entfernt. Andere haben keine Verwandten oder Freunde mehr, die selbst noch mobil genug wären, um rauszugehen und Besorgungen zu machen. Manch einer hat wiederum einfach nur Angst, sich da draußen mit diesem Virus anzustecken, das zwar allgegenwärtig, aber so tückisch unsichtbar ist.

Dabei sei die Fahrt in den Supermarkt nur eine Facette der Unterstützung. „Manche gehen mit den Hunden Gassi. Auch simple Telefonate als Mittel gegen die Einsamkeit der Isolation gehörten dazu “, nennt Monique Reimer zwei Beispiele. „Das ständige Alleinsein ist eine große Belastung und zehrt an den Nerven“, sagt die Koordinatorin.

Als Held würde sich Christopher Petzott trotzdem niemals bezeichnen. Völlig übertrieben sei das aus seiner Sicht. Für ihn sei es selbstverständlich gewesen, sich im April als Unterstützer zu melden, erklärt der Stendaler den Grund für sein Engagement. Dass er dafür seine Freizeit opfert, nimmt er für die gute Sache in Kauf.

„Die Frage, die ich mir gestellt habe: Gibt es irgendeinen Grund, es nicht zu tun?“, präzisiert er seinen Antrieb. Außerdem: Gegenseitige Rücksichtnahme und Solidarität würden nach seinem Eindruck immer weniger werden. Dagegen wolle er etwas tun. Auch wenn es nur Kleinigkeiten seien, wie den Weg zum Supermarkt zu machen. Einen Nebeneffekt haben seine Hilfsaktionen außerdem: „Ich habe vormittags wenigstens was Sinnvolles tun, anstatt rumzusitzen“, sagt er scherzhaft.

Helfer müssen Barrieren überwinden

In der Praxis liefen die Hilfsaktionen recht unkompliziert ab. „Ich bekomme entweder einen Anruf oder eine Textnachricht auf dem Handy. So weiß ich, für wen ich los muss und welche ich Sachen ich kaufen muss“, erklärt der Taxifahrer.

Als Helfer gehöre es für ihn dazu, Barrieren abzubauen und Vertrauen aufzubauen. „Manch einer war zu Beginn vielleicht ein bisschen skeptisch, sich einem Fremden anzuvertrauen“, erinnert er sich an seine ersten Einsätze. Kein Wunder bei diesen Umständen. Hatte bis jetzt ja auch fast niemand erlebt, dass eine völlig fremde Person einen Korb voller Lebensmittel vor der Eingangstür abstellt. Doch je mehr Einsätze er habe, desto selbstverständlicher werde er aufgenommen. Das gehe so weit, dass er bei einigen, bereits genau wisse, welche Kaufhalle er bevorzugt aufsuchen solle.

Mit dem Finanziellen habe es genauso wenig jemals Probleme gegeben. Hin und wieder habe er das Geld für den Einkauf ausgelegt, die Summe aber bisher stets zurückerhalten. „Ich darf halt nur den Kassenbeleg nicht verbummeln“, sagt er lachend und schaut wieder auf sein Handy. Ein Auftrag ist in der Zwischenzeit trotzdem noch nicht eingegangen.