Tangermünde l Herbert Riebau aus Zielitz beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte der Tangermünder Industriellenfamilie Meyer. Chronisten wie ihm ist es zu verdanken, dass diese Historie bald im Tangermünder Stadthaus, im sozialpädagogischen Bildungszentrum, erlebbar wird. Riebaus mehrteiliger Aufsatz soll hier in Auszügen wiedergegeben werden:

Gegen Kriegsende verstarb der Aufsichtsratsvorsitzende Köppel. Sein Nachfolger, Dr. von Schwartzkoppen, konnte nicht durch die Hauptversammlung bestätigt werden, da diese nicht einberufen werden durfte. Britische Truppen verluden große Mengen des Zuckers und transportierten diese ab. Die Briten boten der Familie Meyer auch einen Transport in ihren Sektor an, was abgelehnt wurde. Die Familie hoffte, die Produktion in Tangermünde fortsetzen zu können. Am 1. Juli 1945 zogen die britischen Truppen ab und es folgte die sowjetische Besatzungsmacht.

Der Neuanfang in Hamburg

Die noch in Tangermünde anwesenden Vorstände, Friedrich und Walter Meyer, wurden verhaftet. Nach der Enteignung, Anfang 1946, kam es zur Demontage der Zuckerraffinerie. Die kleineren Betriebe, Konserven- und Schokoladenfabrik, blieben verschont.

Friedrich Meyer wurde aus der Internierungshaft entlassen. Sein Bruder überlebte die Haft nicht. Da sich Friedrich Meyer zunächst aus einem Dorf unweit von Tangermünde meldete, konnte eine erneute Verhaftung verhindert werden. Mit Hilfe von ehemaligen Mitarbeitern gelang ihm die Flucht in die westlichen Sektoren. Seine Familie war früher aus Tangermünde ausgewiesen worden.

In der Zuckerraffinerie Tangermünde

In Hamburg wurde an einem Neuanfang der Zuckerraffinerie Tangermünde Fr. Meyers Sohn GmbH (kurz ZRT) gearbeitet und Hamburg wurde auch neuer Firmensitz. Es wurden Beziehungen zu einer Bremer Schokoladenfabrik aufgenommen. Dort begann man mit der Produktion der Tangermünder Marke „Feodora“. Ab 1949 durfte wieder Edelkakao importiert werden. Somit war die Produktion der weltbekannten Marke in der Bremer Chocolade-Fabrik Hachez & Co wieder möglich. Bis zum heutigen Tag wird dort „Feodora“ hergestellt.

Nach 1946 wurde auch in Tangermünde weiterproduziert. Die Zuckerraffinerie wurde als Reparationsleistung abtransportiert. Die Entwicklung der noch vorhandenen Betriebe und Einrichtungen wurde 1959 in der Zeitung ,,Unsere Heimat“ wie folgt dargestellt: ,,(...) 1946 gingen die Tangermünder Industriebetriebe in die Hände des Volkes über. (...) Nahm die Schokoladenfabrik, nach 1945 der größte Betrieb des Ortes, anfangs nur die Produktion von Bonbons und Fondants auf, so konnte sie 1952 wieder die ersten Kakao-Erzeugnisse auf den Markt bringen. Heute sind die erstklassigen Schokoladen und Pralinen der Konsum- Schokoladenfabrik Tangetta allgemein begehrt.

Die Konsum-Marmeladen- und Obstkonservenfabrik erzeugt wieder Marmeladen und Konfitüren bester Qualität. Die Konsum-Zuckerraffinerie, ein Betrieb, der auf dem Gelände der demontierten Raffinerie neu entstand, stellt Kunsthonig, verschiedene Sirupsorten, Kandis und Kandiszucker her ...

In einer ehemaligen Zuckerhalle nahm am 18. Januar 1950 der neu geschaffene VEB Faserplattenwerk Tangermünde seine Arbeit auf ... Als erster Betrieb der Welt stellte er Faserplatten aus Raps her. Heute produziert der Betrieb jährlich 5600 Kubikmeter Faserhartplatten und 125 000 Quadratmeter Faserdämmplatten und für den Bevölkerungsbedarf außerdem noch Kleinmöbel ... In dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Raffinerie nahm der VEB (K) Bekleidungsbetrieb Tangermünde (...) seine Produktion auf ...“

Das Sortiment wurde reichhaltiger

Das industrielle Gesicht von Tangermünde hatte sich in kurzer Zeit verändert. Von den traditionellen Großbetrieben waren eigentlich nur die Schokoladenfabrik und die Marmeladenfabrik übrig geblieben. Der Altmärkische Heimatkalender 1974 berichtet ausführlich über die Schokoladenfabrik in Tangermünde. Einige Angaben sind widersprüchlich, auch ist der Artikel nicht frei von ideologischen Vorurteilen: „(...) In der alten Schokoladenfabrik versuchte man aus den kärglichen Überresten von Zucker und Essenzen etwas Bonbonähnliches herzustellen (...) Sieben Jahre lang produzierte die Schokoladenfabrik ohne ,Schoko‘, erst 1953 verließen die ersten Schokoladenerzeugnisse das Fließband (...).

1954 erlangte das Werk seine juristische Selbständigkeit und damit ein neues Warenzeichen: Aus ,Feodora‘ wurde ,Konsü‘. Die Schoko-Produktion spezialisierte sich auf Füllschokolade, Überzugware und Hohlkörper, das Bonbonsortiment wurde reichhaltiger.

Von Rollistangen bis Kokosflocken

1965 schloss sich die Schokoladenfabrik Tangermünde als einer von neun Zweigbetrieben dem Konsum-Hauptbetrieb Süß- und Dauerbackwaren Leipzig-Markkleeberg an. Heute werden pro Tag rund fünfundzwanzig Tonnen Süßwaren hergestellt, davon allein acht Tonnen Pralinen (...)“

Auch in einem Artikel vom 21. April 1986 wird die sozialistische Geschichtsauffassung präsentiert. So wird unter anderem berichtet: „(...) Bald nach der Zerschlagung des Faschismus durch die siegreiche So- wjetarmee wurde die Produktion wieder aufgenommen. Genosse Otto Rethfeld wurde Vorsitzender des Betriebsrates. Zunächst versuchte das Kollektiv, in der Bonbonkocherei die Arbeit in Gang zu setzen. Erschüttert standen die Männer vor den ihnen liebgewordenen Maschinen, die inzwischen verstaubt und verrostet waren und erst wieder einsatzfähig hergerichtet werden mussten. Das war keine leichte Sache.

Kollege Wilhelm Bowe stand dieser Abteilung als Leiter vor und überlegte nun, was man mit dem noch vorhandenen Zucker, der ehemalige Besitzer hatte Unmengen verschoben, beginnen sollte. Zucker allein gibt noch keinen Bonbon, das wusste er als Fachmann. Vorhanden waren in diesem Hungerjahr Kürbisse und Rhabarber.

DDR: Aus Kürbissen werden Bonbons

Also kam es jetzt darauf an, herauszubekommen, ob Zucker und Kürbisse unter Zusatz von Aroma auch einen Bonbon ergeben, den man der Bevölkerung anbieten konnte. Er legte zerschnittenen Kürbis in eine Zuckerlösung, fügte das besagte Aroma hinzu, und es gelang ihm schließlich, eine feste Masse zu bekommen, die man ausstechen konnte. Die so gewonnenen Stücke wurden danach mit einer Fondantmasse überzogen, und fertig war das Produkt. Außerdem stellte man noch Bonbons mit einer Rhabarberfüllung her. Es war verständlich, dass sich die Menschen in der damaligen fettarmen Zeit nach etwas Süßem sehnten und nicht dabei auf die Qualität der Ware schauten. Um möglichst vielen den Kauf zu ermöglichen, wurden die so produzierten Bonbons in Kleinverpackungen in den Handel gebracht (...)“

Viele ehemalige DDR-Bürger werden sich noch an die Produkte der Tangermünder Schokoladenfabrik erinnern können. Das waren zum Beispiel die gefüllten Kinderschokoladen, Rollistangen, Nährstangen, Kokosflocken und Fruchtbonbons. Als der Tangermünder Betrieb 1965 dem Konsü (Konsum-Süßwaren)-Hauptbetrieb in Leipzig angeschlossen wurde, verlor er nach und nach seine Eigenständigkeit.

Nach der Wende blieb nichts mehr übrig

Nach der Wende kam das große Kombinat Süßwaren mit den neuen Wirtschaftsbedingungen nicht klar. Der Tangermünder Betrieb konnte sich 1990 erfolgreich vom Kombinat trennen und als neue GmbH unter altem Namen ,,Tangetta“ weiterproduzieren. Es folgte aber schließlich nach Kurzarbeit und Entlassungen der Konkurs des alten Traditionsbetriebes in Tangermunde. Bis zum 31. März 1991 wurden fast alle Betriebsangehörigen entlassen. Die Maschinen und Anlagen kamen unter den Auktionshammer. Verschiedene Nutzungsvorhaben scheiterten.

Über die Tangermünder Marmeladenfabrik ist recht wenig in Erfahrung zu bringen und ihre Entwicklung verlief scheinbar recht unspektakulär. Sie wurde noch zu DDR-Zeiten dem Mühlhauser Kombinat angeschlossen. Im Gegensatz zur Schokoladenfabrik konnte sich dieser Betrieb nach der Wende aber noch jahrelang halten. Im Jahr 2006 wurde das von Insolvenz geplagte Unternehmen an ein spanisches Unternehmen verkauft und somit schien der weitere Bestand gesichert. Letztendlich schloss aber auch dieses Werk.