Seehausen l Was, wenn gegen das Naturschutzgesetz verstoßen wird und keiner kriegt es mit? So fast geschehen im März dieses Jahres. Die Deutsche Bahn hat ihre Pläne für den Bau einer Stromtrasse durch den Landkreis Stendal und ein Vogelschutzgebiet in den Rathäusern der betroffenen Kommunen ausgelegt – zum Beginn der Corona-Krise. Durch rechtzeitige Einsprüche innerhalb der vierwöchigen Frist und Stellungnahmen von Umwelt- und Naturschutzverbänden sowie vom Landkreis Stendal wurde das Verfahren zur Baugenehmigung gestoppt. Das teilt Susanne Bohlander mit. Sie ist Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und Kreisvorsitzende im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) im Kreis Stendal.

„Die geplante Freileitung der Bahn verstößt gegen die Verbote des Naturschutzgesetzes“, schreibt Susanne Bohlander in einer Pressemitteilung. Auf Nachfrage erklärt sie, dass das Bundesnaturschutzgesetz es grundsätzlich verbietet, durch ein Vogelschutzgebiet zu bauen. Für Ausnahmen müsse eine Planung mit Daten vorliegen, die eine Gefährdung der geschützten Tierarten ausschließt.

Deutsche Bahn nutzt alte Daten

Die Deutsche Bahn habe Daten vorgelegt, so die Naturschützerin. Diese waren jedoch veraltet. Außerdem habe die Bahn behauptet, dass sogenannte Vogelschutzmarker auf den Masten eine Kollision mit den Tieren verhindern. Dem widerspricht die 57-Jährige.

„Die Fachleute des Landkreises bei der Unteren Naturschutzbehörde kritisieren unter anderem, dass das Tötungsrisiko für zahlreiche geschützte Vogelarten insbesondere in den streng geschützten Elbauen durch die Errichtung der Bahn-Hochspannungsleitung wesentlich erhöht wird.“ Betroffen wäre das europäische Vogelschutzgebiet Aland-Elbe-Niederung, das sich nördlich von Seehausen befindet. „Verschärfend kommt hinzu, dass die Bahn ihre neuen Masten neben die ebenfalls geplante 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung der Firma 50Hertz bauen will.“

Begründung für Bau von Stromtrasse

Die Firma 50 Hertz begründet den Bau ihrer Leitung derweil mit der Vorbelastung durch eine 220kV Leitung, die schon seit den 50er-Jahren dort steht. Ein Argument, das für Susanne Bohlander kein Gewicht hat. Die Masten dieser Leitung seien keine 70 Meter hoch, wie die geplanten und vor 70 Jahren wurde noch viel weniger auf Naturschutz geachtet. „Landkreis, BUND und NABU (Naturschutzbund Deutschland) stellen fest, dass die Auswirkungen der geplanten Bahn-Stromtrasse unbedingt in Zusammenhang mit der direkt daneben geplanten 380-kV-Höchstspannungsleitung geprüft werden müssen“, so die Seehäuser Stadträtin.

Die Stadt Seehausen kritisiert das geplante Bauvorhaben ebenfalls. „Beide Stromtrassen sind viel zu dicht an Wohnhäusern geplant“, so die Hansestadt in einer Stellungnahme. Zu Wohnhäusern am östlichen Seehäuser Stadtrand halte die geplante Bahn-Hochspannungsleitung weniger als 200 Meter Abstand, in einigen Fällen keine 100 Meter. Seehausen lehne das Bauvorhaben der Deutschen Bahn ab.

Die Stadt Osterburg äußert auch Bedenken. Sie fordert die Bahn auf, ihre Leitung an der bestehenden beziehungsweise geplanten Freileitungstrasse anzuhängen. Eine andere Forderung der Stadt ist die Verlegung von Erdkabeln, statt Masten aufzustellen. Auch Umweltverbände und Landkreis vertreten die Ansicht, dass Erdkabel verlegt werden sollen. Die Leitung in den Untergrund zu verlegen, würde mehr Geld kosten, aber das Risiko für bedrohte Vogelarten wäre damit aus der Welt geschafft.

Todesursache für 2,8 Millionen Vögel jährlich

„Nun muss die Bahn ihre naturschutzfachlichen Planunterlagen überarbeiten und erneut öffentlich auslegen“, erklärt Susanne Bohlander. Sie schätzt, dass das Bereits im Januar der Fall sei, weil die Bahn Daten von 50Hertz nutzen könnte.

Der NABU zufolge sterben jährlich mehr als 2,8 Millionen Vögel in Deutschland an Hochspannungsleitungen. Zum Vergleich: Mehr als 100 Millionen sterben durch Kollisionen mit Glasscheiben. Doch der Vergleich zählt bei bedrohten Vogelarten nicht, so die Naturschützerin.

Kommentar vom Autor: Umwelt nicht vergessen
Die Bahn möchte sich mit ihrer Stromtrasse mit der billigsten Variante durch die Altmark schummeln. Leidtragende wären bedrohte Vogelarten. Nach Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz schwinden die Vogelbestände seit Jahren in bedenklichem Maße. Wenn die Stromtrasse gebaut werden soll, dann unterirdisch. Die Kommunen müssen einen genauen Blick auf die Pläne der Bahn werfen, wenn diese erneut ausgelegt werden. Trotz Corona sollte man den Umweltschutz nicht vergessen.