Neun Fragen, auf die Landwirte konkrete Antworten von ihrer Ministerin und ihren Abgeordneten erwarten

Aus der Diskussionsrunde heraus formulierte der Kreisbauernverband neun konkrete Fragen, auf die er Antworten von der Politik erwartet. Am Mittwoch, 1. März, wird der Vorstand des Kreisbauernverbandes einen entsprechenden Brief formulieren, dessen Kern diese neun Fragen sind. Sie werden nicht nur Claudia Dalbert, Ministerin für Umwelt, Landwirtsc haft und Energie in der sachsen-anhaltischen Landesregierung, geschickt, von der die Landwirte Antworten erwarten, sondern auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sowie an Landtags- und Kreistagsmitglieder aus der Altmark.Edgar Grund, Justitiar des Bauernverbandes, hat diese Fragen formuliert:

1. Wie viele Wölfe verträgt unser Land?

Das Bundesamt für Naturschutz spricht in einer Pressemitteilung von einem derzeitigen Wolfsbestand von 46 Rudeln, 15 Paaren und vier nachgewiesenen Einzeltieren (Stand Sept. 2016).

2. Existiert bei den politischen Verantwortungsträgern der Wille, die Wölfe auf ein verträgliches Maß zu begrenzen?Wo dieses verträgliche Maß liegt, müsste allerdings auch noch definiert werden. Nach Informationen, die Edgar Grund vorliegen, könnte diese Zahl bei 440 Wolfsrudeln und 2500 Tieren bundesweit liegen.

3. Wie sicher sind unsere Menschen?

Eine existenzielle Frage, sagt Grund, die aber bislang niemand stellen würde. „Stellen wir sie – ohne den Wolf zu verteufeln – kommen wir in eine ganz andere Dimension der Diskussion.“

4. Ab wann gefährdet der Wolf die öffentliche Sicherheit?

Die Landwirte drängen auf eine eindeutige Definition und Einstufung, ab wann ein Wolf für den Menschen als gefährlich gilt.

5. Wie wird in Sachsen Anhalt die Vergrämung vollzogen?

Die Antwort darauf soll auch enthalten, wie viel qualifiziertes Personal dafür zur Verfügung steht. 6. In welchem Anteil sollen die Haushaltsmittel aufgestellt werden ?Diese Frage zielt auch auf die Entschädigungen von Wolfs- rissen. Der Bauernverband spricht von 8900 Nutztier- rissen im vergangenen Jahr in Deutschland, für die Wölfe verantwortlich sein sollen.

7. Ist ein Ausgleich für präventive Arbeitserledigungen vorzunehmen?

Hier geht es um die Aufwendungen, die den Landwirten entstehen, um Wolfsangriffen vorzubeugen.8. Wie sehen Sie die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen ? Dabei geht es auch um die Herdenschutzhunde. In Frankreich, so formulierte es der Bauernverbands-Justitiar Edgar Grund, hätten 80 Prozent der Wolfs- angriffe trotz eines Schutzhundes in der Nutztierherde stattgefunden.

9. Sind unsere politischen Entscheidungsträger bereit, die Population zu verringern?

Zu dieser Frage bittet der Kreisbauernverband Mandatsträger auf allen politischen Ebenen, sich zu positionieren.

Klietz l Nicht nur Bundesumweltministerin Barbara Hendricks kann neue provokante Bauernregeln. Dieser Art des politischen Reimens sind auch die altmärkischen Bauern mächtig. „Der Wolf im Land ohne Verbot, bringt Lamm und Kalb den sicheren Tod“. Auf Mini-Plakaten stand während des ersten Bauernfrühstücks dieses Jahres zu lesen, wie Landwirte die staatlich sanktionierte Praxis beim Umgang mit dem raubtierischen Rückkehrer bewerten. Diese neue „Bauernregel Nr. 1“ war mit der gleichen Pflanzen-, Früchte- und Tiersymbolik schnörkelig umrandet, wie die originale aus dem bundesministerialen Hause Hendricks, mit der die SPD-Politikerin bäuerliche Missstände anprangern wollte. Bekanntlich trat sie damit so tief ins Fettnäpfchen, dass sie ihre geplante Plakataktion stoppte, bevor sie angelaufen war.

Existenz von Weidehaltern bedroht

Die Landwirte zahlen es ihr nun mit gleicher Münze zurück. Und sie wurden während des ersten Bauernfrühstücks dieses Jahres noch deutlicher. Rund 70 Mitglieder des die Veranstaltungsreihe organisierenden Kreis-bauernverbandes Stendal waren ins Klietzer Land-gut-Hotel „Seeblick“ gekommen, um dem Thema und der Forderung des Tages Nachdruck zu verleihen: Änderung des Schutzstatus Wolf – ein Muss zur Erhaltung der Weidewirtschaft in Deutschland.

Auch dafür, dass ihre Forderung Gehör finden würde, hatten die Organisatoren gesorgt. Neben den Landwirten aus der Altmark, Berufskollegen aus dem Jerichower Land und der Börde, war auch lokale Politprominenz der Einladung gefolgt, um ein heißes Thema kühlen Kopfes zu analysieren und zu diskutieren.

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Das zu tun war unter anderem Peter Weber, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie Sachsen-Anhalts, nach Klietz gekommen. Mit dem promovierten Agrarwissenschaftler Weber saß den Landwirten ein durchaus kompetenter Gesprächspartner gegenüber. Bis 2016 war er zudem als Kreisgeschäftsführer des Bauernverbandes Anhalt Kollege der Stendaler Kreisbauernverbands-Geschäftsführerin Kerstin Ramminger.

Sie trat als Erste ans Mikrophon. Das Thema Wolf sei ein emotional aufgeladenes. Hier die Schützer des Großraubtieres, dort die der Nutztiere. „Das wir uns auf die Seite der Nutztierhalter stellen, steht außer Frage.“ Klare Worte der Kreisgeschäftsführerin auch in Richtung der Weidehalter. Deren Existenz sei durch die wachsende Wolfspopulation in Sachsen-Anhalt bedroht. Ramminger mahnte bei den politisch Verantwortlichen Aussagen darüber an, wie der Wolf mit dem Erhalt der unverzichtbaren Weidehaltung – auch in mehr als 60 unter Schutz stehenden Landschaften im Landkreis – in Einklang gebracht werden soll.

Wölfe sind keine Seltenheit mehr

„Wir müssen Fakten schaffen, um unseren Weidehaltern aber auch Teilen der ländlichen Bevölkerung, die mittlerweile betroffen sind, aus diesem Dilemma zu helfen“, so Ramminger. Wie konkret so ein Dilemma sein kann, darüber sprach neben anderen Hubert Aselmeyer, Landwirt aus Rehberg. Sein Hof befinde sich direkt am Rand der Klietzer Heide. Wölfe in der Nähe seien keine Seltenheit mehr. Ob Einzeltiere, Gruppen von zwei, drei Wölfen oder weibliche Tiere mit Jungen, alles habe er schon häufiger gesehen. Seine vorerst letzte Begegnung mit einem Wolf war auch die direkteste. Das Tier stand etwa 30 Meter von seinem Haus und den Mutterkühen entfernt. „Das Maß ist voll“, sagt der Landwirt auch angesichts dessen, dass er sich mit der Frage, wie er darauf reagieren soll, allein gelassen fühlt. „Ab wann gilt so ein Wolf als gefährlich? Ab zehn Meter vor dem Stall oder erst wenn er drin ist?“

Nicht die einzige Frage, auf die Hubert Aselmeyer keine Antwort weiß. Herdenschutzhunde für Kühe? „Ich habe noch keinen gesehen.“ Wolfsschutzzäune um die Weiden? „Das wären bei mir 40 bis 50 Kilometer.“ Hinzu kommt: „Die Entschädigung für ein gerissenes Tier ist bescheiden, geradezu lächerlich.“ Der Landwirt weiß nur eine Lösung: „Der Wolf muss ins Jagdrecht.“

Um den Schutz der Herden ging es auch Schäfermeister Rüdiger Kassuhn. Auf den enormen Aufwand, den seine Berufskollegen dafür betreiben müssen, machte er ebenso aufmerksam wie auf die Tatsache, dass es auf Entschädigungen keinen Rechtsanspruch gebe. Abgesehen davon, das Halter von 20 bis 30 Schafen nicht für Wolfsrisse entschädigt würden, weil sie keine Landwirte sind. „Aber sie halten die Genreserve für unsere Schafzucht.“

Raubtier ins Jagdrecht aufnehmen

Hart, klar und unmissverständlich sind die Forderungen der Landwirte. Doch so unvermittelt gestellt, wie es während des Bauernfrühstücks erschien, sind sie nicht. Sie sind die lang gereifte, wenn nicht gar einzig mögliche Reaktion auf schon lange im Raum stehende Ungereimten, auf Ungeklärtes und Unbeantwortetes seitens der Politik im Umgang mit der Wolfsrückkehr. Die Bauern fordern Antworten. Einen Fragenkatalog dazu formulierten sie aus der Diskussion heraus. Und sie übersetzten ihre „neue Bauernregel Nr. 1“ ins auch für Politiker Verständliche: Der Schutzstatus des Wolfs gehört geändert und der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen.