Stendal l Dass es mit der E-Mobilität in Stendal und rundrum eher zögerlich vorangeht, ist für Rolf Gille nicht des Wunderns wert: „Der Schub kommt eher in den Großstädten, da ist der Druck aufgrund der Verkehrsdichte und des Platzmangels viel größer. Stendal hat diesen Druck nicht. So können wir Stück für Stück dran arbeiten.“

„Wir“ – das sind die Stadtwerke Stendal (SWS), die im eigenen Fuhrpark bereits zwei reine Elektroautos haben, ein drittes ist bestellt, außerdem sind ein E-Caddy und zwei Pedelecs im Einsatz. Zudem gehören zum Fuhrpark 25 Erdgasfahrzeuge (als Erdgas-Benzin-Hybride), die es, so SWS-Pressesprecher Rolf Gille, „in Deutschland leider nicht auf die Hitliste der Autohäuser geschafft haben“. Dabei produzierten sie 30 Prozent weniger CO2 als Benziner.

„Stück für Stück“ heißt, dass man allmählich eine Infrastruktur schafft. Mittlerweile gibt es in Stendal drei von den Stadtwerken betriebene Ladesäulen für Elektroautos: an der Stadtseeallee 1 (IBA-Gebäude), in der Fabrikstraße (Ecke Arnimer Straße) und Hinter der Mühle (am Technik-Center der Stadtwerke). Eine vierte ist in Vorbereitung, und zwar an der Hochschule zur Mannsstraße hin. Spätestens 2022 soll außerdem im Schadewachten eine Säule in Betrieb gehen. Sie alle sind öffentlich zugänglich und rund um die Uhr nutzbar.

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Bisher sporadische Nutzung

15.000 Euro pro Säule investieren die Stadtwerke, nehmen dafür aber auch Fördermittel von Land und Bund in Anspruch. Jede Säule hat jeweils zwei Anschlüsse mit maximal 22 kW. „Die Ladesäulen werden mit 100 Prozent zertifiziertem Naturstrom aus Wasserkraft gespeist. Der kommt aus Österreich“, erklärt Holger Meinen, Energiebeauftragter der Stadtwerke, und konzediert gleichwohl, dass das eher theoretisch zu verstehen ist. Denn rein physikalisch ist es natürlich nicht möglich, den Strom in der Leitung mal eben nach seinen Quellen aufzuteilen. Doch es gehe um den Anteil regenerativer Energien, den die Stadtwerke hiermit im eigenen Strommix erhöhen. „Verkehr ist eben auch ein Stück Klimapolitik“, fügt Rolf Gille hinzu, „es wird Zeit, dass da was passiert.“

Und wie sehr werden die Ladesäulen in Stendal genutzt? „Das Angebot wird auf jeden Fall wahrgenommen, eher sporadisch, aber mit zunehmender Tendenz“, gibt Holger Meinen die aktuelle Auswertung wieder. „Es sind Privatnutzer, darunter auch Stammkunden, die in der Altstadt wohnen, aber auch Auswärtige, die uns über die entsprechende App finden.“ Etwa einmal pro Woche stöpsele jemand Firmen-Externes das Ladekabel ein.

Kostenlos, wie in der Anfangszeit voriges Jahr, ist das Stromtanken hier nicht mehr. Man meldet sich online oder über eine App oder über den QR-Code an der Säule an, zahlt per Ladekarte oder per Kreditkarte. An allen Säulen wird dasselbe Zahlungssystem verwendet. Infos dazu finden Sie hier.

Beim Einkaufen aufladen

Noch scheuen sich Autofahrer vor dem Umstieg aufs E-Mobil nicht nur wegen der langen Lieferzeit von rund einem Jahr und wegen des Preises, sondern insbesondere auch wegen der Reichweite. Die liegt momentan zwischen 185 und 400 Kilometern, je nach Modell und je nach weiteren Einflussfaktoren wie Temperatur, Beladung, Fahrstil.

Und auch die öffentlichen Ladesäulen sind, so paradox es klingen mag, nicht unbedingt ausschlaggebend dafür, sich ein E-Auto zuzulegen. Denn in der Regel, so die Erfahrung der Stadtwerke, lüden die Leute ihr Auto über Nacht nicht irgendwo in der Stadt, sondern lieber zu Hause auf. „Das aber passiert in der Regel eher, wenn ich ein Eigenheim habe, wo ich eine Wallbox installieren kann“, erklärt Gille. „Im Mehrfamilienhaus wird das Aufladen schon schwieriger, da liegt es am Vermieter, entsprechende Möglichkeiten einzurichten.“

Man könne ein Elektroauto zwar auch über eine übliche Steckdose aufladen, das dauere aber sehr lange und führe zu hoher Dauerbelastung. Und, so Meinen: „Es ist ja nicht gewährleistet, dass ich direkt vor der Haustür einen Parkplatz finde.“ Wie lang müsste da das Kabel sein, um das Automobil zu erreichen? Und wie stellt man sicher, dass damit niemand Schabernack treibt?

Inzwischen böten sogar einige Discounter und Möbelhäuser auf ihren Parkplätzen Ladesäulen an – die Ladezeit verstreicht beim Einkaufen. „Auch ein Lebensmittelmarkt in Osterburg hat bei sich schon eine Lademöglichkeit geschaffen“, weiß Gille.

Im Bewusstsein der Leute verankere sich E-Mobilität seinem Eindruck nach immer mehr. „Die Gedanken der Menschen sind da teilweise schon weiter als die tatsächlichen Verhältnisse. Das merken wir immer mal in Gesprächen mit Interessenten wie Pflegediensten, Zustellern oder auch Kliniken.“