Stendal l Neben der Lüge „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ gehört der Halbsatz „Je-je-je und wie das alles heißt“ wohl zu den berühmtesten Zitaten von Walter Ulbricht. Es war der Untertitel des zweiten Erzählcafés in der Kleinen Markthalle. Gastgeber Donald Lyko hatte drei Gesprächspartner, die sich an ihre Jugend im Stendaler der 60er Jahre erinnerten.

Rolf Gierke (Jahrgang 1949) ist bekennender Beatlesfan, bezog daher als Erster Stellung zu der Ulbricht-Aussage, die auch die „Monotonie des Je-je-je“ anprangerte. Eben eine solche Monotonie habe er nie empfunden. Vielmehr sei es für ihn interessant gewesen, mit dem Kofferradio am Ohr durch die Gegend zu gehen und die Musik zu genießen. „Die bekamen wir beispielsweise vom Soldatensender Burg oder vom Deutschen Freiheitssender“, erzählte er. Und natürlich habe er auch Westfernsehen gesehen. Für einen Moment bewegte er sich dann in die Gegenwart.

Titel aus dem Westen

„Neulich wollte mir jemand aus Bochum die DDR erklären, da habe ich ihn gefragt, ob er überhaupt das DDR-Fernsehen kennen würde“, beschrieb Gierke. Und sah damit etwas Symptomatisches an dem unterschiedlichen Interesse aneinander, der Bochumer hatte nie das Fernsehen der DDR gesehen. Zurück in der Erinnerung stellte er fest, dass seine Jugendzeit „schön war, einfach nur schön“.

Der 1945 geborene Gustav Voß hatte durchaus auch etwas für die Beatles übrig, er habe sie bewundert, mit seiner eigenen Band aber andere Musik gemacht. „Man kann sagen, wir haben deutschen Schlager gespielt, damit haben wir die Leute auf die Tanzfläche geholt“, erzählte er. Voß hatte auch seine Titelliste mitgebracht, Einmarschmusik seiner Band „Die Tornados“ war „Oh when the Saints go marchin‘ in“. „Erst vor zwei Wochen habe ich erfahren, dass es darin um den Widerstand der Schwarzen in Amerika geht“, räumte Voß ein. Die Quote von 60:40 schrieb vor, dass nur die Minderheit aus dem Westen stammen durfte. Dennoch wurden Titel wie „Ciao ciao bambina“ von Caterina Valente, „Am Tag als der Regen kam“ von Dalida und „Zwei kleine Italiener“ von Conny Froboess gespielt. Ein Standard war außerdem „Junge, komm bald wieder“.

Bier für 40 Pfennig

„Man hat ja auch versucht, die Quote zu umgehen, sie vielleicht in 80:20 umzukehren“, sagte Angelika Postolache-Enciu (Jahrgang 1949). Sie schwärmte auch von Musik im Bar-Café Altmark, die manchmal auch von Gästen aus Italien, Bulgarien und Rumänien gespielt wurde. „Das war eine Zeit, in der man vieles auf die Beine gestellt hat“, erinnerte sie sich und dachte ein wenig wehmütig daran zurück, dass man damals noch die Nacht durchmachen, aber trotzdem pünktlich um 7 bei der Arbeit sein konnte.

Wie wohl zu jeder Zeit bestand auch in den 60er Jahren das Leben der jungen Leute nicht nur aus ausgehen, tanzen und Alkohol trinken, wobei eine Zuschauerin bemerkte: „Alkohol war immer da“. 40 Pfennig kostete das Bier im Jugendklubhaus, 50 Pfennig „an der Bar bei Fritze“.

Praktikum mit Fußballlegenden

„Der Sport war wichtig, ich kannte alle Fußballlegenden von Lok, habe selber auch Fußball gespielt“, schilderte Gierke. Seine Mutter sei mit der Sportart nicht einverstanden gewesen, weil er Brillenträger war. Auch Angelika Postolache-Enciu und ihre Freundinnen hatte Interesse am Fußball, „allerdings wegen der Fußballer“, wie sie schmunzelnd bemerkte. Die traf sie dann allerdings auch bei ihrem Praktikum im RAW. „Dort waren sie alle, Lindner, Backhaus, Felke, Güssau“, zählte sie auf und nannte auch noch einige Namen mehr. Sie selbst war auch sportlich aktiv, spielte Volleyball und Handball.

Natürlich erlebten die jungen Leute auch die politischen Veränderungen, wenn sie selbst auch nicht unbedingt politisch waren oder das Geschehen als politisch empfanden. So bemerkte Angelika Postolache-Enciu, dass immer mehr Nachbarn wegzogen – in den Westen – plötzlich habe es Wohnungen gegeben, wo vorher ein Mangel war. Den Kontakt zu der Verwandtschaft habe ihre Familie immer gehalten, auch als das verboten gewesen war. Aber: „Wir waren über den Westen informiert, allerdings nicht umgekehrt“.

Gierke habe sich für die Bundesliga interessiert, genauso über die beste Spielklasse im Westen Bescheid gewusst wie über die Oberliga im Osten. „Was die Nachrichtensprecher erzählt haben, hat mich gar nicht interessiert“, stellte er fest. Natürlich sei das später anders gewesen, etwa 1968 mit dem Prager Frühling, vorher aber noch nicht.

Komplikation durch Konfirmation

Postolache-Enciu wurde nur konfirmiert, hatte keine Jugendweihe und das hatte durchaus Konsequenzen. „Mein Klassenlehrer kam zu uns nach Hause und hat ein paar Stunden bei meiner Mutter gesessen“, schilderte sie. Weitere Folgen habe die Entscheidung nicht gehabt und: „Wir waren keine Revoluzzer, ich jedenfalls nicht“. Eine Zuhörerin erzählte, wegen ihrer Konfirmation 1967 nicht auf die Erweiterte Oberschule (EOS) gedurft zu haben, eine andere, dass es in ihrer Klasse mehrere Mädchen gegeben habe, die ebenfalls nur eine Konfirmation und keine Jugendweihe gehabt hätten, dennoch zu EOS und Universität gegangen seien. Man einigte sich darauf, dass das wohl von Schule zu Schule unterschiedlich behandelt worden sei.

Ohne dass jemand das Gegenteil behauptet hätte, meinte Helga Schulz schließlich die Rolle der Zuhörerin zu verlassen und auch ein Resümee geben zu sollen: „Es war nicht alles schlecht“.