Noch bis 30. November abstimmen

Der Fahrradklima-Test ist eine der größten Befragungen zum Radfahren weltweit. Sie wird vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) durchgeführt und vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert. 2020 findet die Umfrage vom 1. September bis 30. November statt. 

Mit wenig Aufwannd kann sich jeder per Fragebogen (online oder zum Ausdrucken) beteiligen und die Situation für Radfahrende in der eigenen Stadt oder Gemeinde bewerten.„Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer ist wichtig“, heißt es vom ADFC, denn die Ergebnisse „haben sich in den letzten Jahren als wissenschaftliche Entscheidungsgrundlage für Politik, Städteplanung und Verwaltung bewährt“. 

Um in die Auswertung zu kommen, ist eine Mindestzahl an Umfrageteilnehmern nötig: in Städten und Gemeinden bis 100.000 Einwohnern wie also Stendal sind es mindestens 50. In der Hansestadt Stendal haben nach jetzigem Stand 12 Personen den Fragebogen ausgefüllt.

Stendal l Man kann sich in einer dauerhaft schlechten Bewertung natürlich auch einrichten und es zum rebellischen Markenzeichen machen – man kann aber auch bestrebt sein, zu den Besseren gehören zu wollen. Was wohl wird Stendal nach zweimal Note 4 beim aktuellen Fahrradklima-Test bekommen? Werner Hartig vom regionalen ADFC ist da nicht so sehr optimistisch und gibt erst mal nur ein Seufzen als Antwort. Um dann daran zu erinnern, dass die Ergebnisse der 2018er Befragung leicht schlechter als 2016 waren.

„Die Politik macht große Worte, die Menschen sind enttäuscht, denn bis etwas umgesetzt wird, dauert und dauert und dauert es.“ Beispielhaft nennt er die zähe Freigabe von Einbahnstraßen für Radfahrer: „Da kämpfen wir seit Jahren für. Genau wie für das Zusatzschild, das Fußgängern und Radfahrern signalisiert, dass sie am Ende weiterkönnen, es ist so eine einfache Sache.“

Sonderfragen zu Corona

Die Stimmung des Fahrradlobbyisten hellt sich nicht gerade auf, wenn er auf die diesmaligen Zusatzfragen der ADFC-Radverkehrsumfrage schaut. Die drehen sich nämlich darum, ob die Kommune die Corona-Zeit genutzt hat, um Radfahrenden Signale für mehr Fahrradfreundlichkeit zu geben und es mehr als üblich zu thematisieren. „Na, da kennen wir die Antwort“, sagt Hartig resignierend und muss das Nein nicht aussprechen.

Es wäre aus seiner Sicht die Chance (gewesen), sich die Breite der Fuß- und Radwege vorzunehmen: „Gerade auch aufgrund von Corona muss man als Radfahrer und Fußgänger im öffentlichen Raum die Möglichkeit haben, den Abstand zu wahren und auszuweichen.“

Und da ist Werner Hartig mittendrin in seinem Thema, zu dem er aus dem Stand einen ausdauernden Vortrag halten könnte: die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer. Denn wenngleich er von dieser Zeitung meistens als Radverkehrsfachmann konsultiert wird, ist er gleichwohl nicht nur im Radfahrerverband ADFC Mitglied, sondern auch im Autofahrerverband ADAC. Nicht zuletzt ist er selbstverständlich auch Fußgänger und kennt somit alle möglichen Perspektiven im öffentlichen Fortbewegungswesen.

"Mehr Platz füs Rad"

Doch dem gleichberechtigten Miteinander stehe die Tatsache entgegen, dass der zweispurige Kraftfahrzeugverkehr immer noch eindeutig dominiere. Und eben darum setzt sich Hartig auch für die Kampagne „Mehr Platz fürs Rad“ ein. „Der übergreifende Wunsch unter Radfahrenden ist es, getrennt von Fuß- und Kraftverkehr zu fahren.“ Was ja wiederum allen Beteiligten zugute käme. „Sicher, gerade in Altstädten ist das oft nicht machbar, nicht überall – aber da, wo es machbar wäre, wird es nicht gemacht.“

Zudem fehle es an weiteren, simplen Maßnahmen für ein harmonischeres Miteinander auf den Straßen. „Ein Tempo-30-Schild reicht da nicht, man muss die bauliche Beschaffenheit einer Straße ändern, um Autos zum Langsamerfahren zu bringen, zum Beispiel durch den Einbau von Brüchen in der Geradlinigkeit einer Straße.“

Mitmachen beim "Fahrradklima-Test"

Kann nun aber eine Umfrage wie der alle zwei Jahre vom ADFC bundesweit durchgeführte „Fahrradklima-Test“ an misslichen Zuständen etwas ändern, ist es mehr als nur Dampfablassen? Werner Hartig ermuntert ganz dringend zum Mitmachen: „Es ist einfach ein Spiegel der Wahrnehmung der Bürger und somit wichtig für eine Stadtverwaltung.“

Gewiss verändere sich innerhalb zweier Jahre nicht viel und nicht jedes Manko liege in kommunaler Verantwortung. Aber es ist eben ein Stimmungsbild und „je mehr teilnehmen, desto ausgewogener und realistischer ist es“. Nicht zuletzt könne man nach der Bewertung der vorgegebenen Fragen auch noch ein Kommentarfeld frei formuliert füllen. „Man sollte die Behörden einfach immer wieder darauf aufmerksam machen, wo es hakt, damit sich keiner nachsagen lassen muss: Ach, es hat sich noch kein Bürger beschwert.“

Damit die Aufmerksamkeit für die Belange des Radverkehrs nicht versickert, wurde für die Hansestadt Stendal eine AG Radwegekonzept gegründet, in der neben Mitarbeitern der Verwaltung und Stadträten auch Werner Hartig vom ADFC vertreten ist. „Die dort erarbeiteten Erkenntnisse fließen bereits in laufende Baumaßnahmen und unsere weitere Bauplanung ein“, hatte Oberbürgermeister Klaus Schmotz nach dem letzten Fahrradklima-Test beteuert.

Die Umfrage und weitere Informationen zum Fahrradklima-Test findet man im Internet auf der Seite https://fahrradklima-test.adfc.de