Stendal l Vor gut 25 Jahren entschloss sich Helmut Graf, in die Selbstständigkeit zu gehen. Das 25-jährige Jubiläum wäre im vergangenen Dezember gewesen. Weil zu dieser Zeit jeder mit anderen Dingen befasst ist, wurde die Feier auf den gestrigen Montag verschoben. Rund 200 Gäste waren im Festzelt auf dem ehemaligen Gelände der Geologischen Erkundung versammelt. Unter ihnen war der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner, den Graf für die Festrede gewinnen konnte.

Freude über Termin

Der freute sich, mal aus Berlin herauszukommen, das sei für ihn besonders wichtig. „Nach den Wochen mit Seehofer und Trittin ist meine Resozialisierung noch nicht vollständig abgeschlossen“, brach er schnell das Eis. Als er die Einladung zum Jubiläum bekam, habe er gedacht, na klar, da wird der Vorsitzende der Partei eingeladen, die dem Mittelstand am meisten zugetan ist. „Beim Telefonat mit Herrn Graf war da aber so ein Tremolo wie für ein Artenschutzabkommen der Vereinten Nationen“, beschrieb Lindner. Da sei von der gescheiterten Jamaika-Koalition und sinkenden Umfragewerten die Rede gewesen. „Da wusste ich, das ist das karitative Engagement der Firma, sich für die Schwächsten der Gesellschaft einzusetzen“, sorgte der Liberale für den nächsten Lacher.

Ein besonderer Charakterzug von Graf sei aber in der Tat seine Bescheidenheit, nichts zur Firma, nichts zu seiner Person habe Lindner sagen sollen. Aber der hielt sich nicht daran. „Es ist heute der Tag, um ihnen zu danken“, sagte er. Natürlich ermögliche die Gesellschaft den Aufstieg, aber den müsse man erstmal erreichen. Graf habe nichts geerbt, ihm sei nichts geschenkt worden, ihm gebühre Respekt.

Lindner unternahm auch einen Ausflug in die Politik, Gedankenspaziergänge, wie er es nannte. So plädierte er für eine moderne Einwanderungspolitik, vermutete, dass Deutschland das einzige Land auf der Welt sei, in dem Integration als die Aufgabe der aufnehmenden Gesellschaft angesehen werde, und stellte andererseits klar, dass der demografische Wandel durch deutsche Kinder allein, wie es Konservative gerne sehen, nicht aufgehalten werden können. „Wissen Sie, wieviele Kinder jede Frau bekommen müsste“, fragte er in Richtung der hochschwangeren Moderatorin Miriam Pede, die sonst beim Fernsehsender „Welt“ zu sehen ist. Nach einer kurzen Denkpause gab er selbst die Antwort: „Sieben, das schafft nur Ursula von der Leyen.“

Firma auch ein Botschafter der Stadt

Lindner gefiel sich in der Rolle des Fragenstellers, wollte als nächstes wissen, was denn wohl die größte Bedrohung des Wohlstandes sei. Der Sozialismus sei es nicht, trotz Sarah Wagenknecht. Es sei der Bürokratismus. Warum sei es denn in Deutschland beispielsweise nicht möglich wie in Estland, eine Steuererklärung innerhalb von zwei Minuten zu erstellen. „In der Zeit hat man noch nicht einmal einen Bierdeckel ausgefüllt“, erinnerte er an die Bierdeckel-Steuererklärung, die Friedrich Merz einst ins Spiel gebracht hatte.

Lindner richtete seinen Blick auch auf die Steuern. In seiner Begrüßung hatte Helmut Graf betont, dass er gerne Steuern bezahle. Dass sei so ein Fetisch in Deutschland, meinte Lindner. Das habe aber auch sehr viel damit zu tun, welches Unternehmerbild in der Öffentlichkeit herrsche. „Das ist so wie die Geissens von RTL2, deren letzte verbliebene Sorge der Farbe des nächsten Sportwagens gilt“, meinte Lindner. Das habe aber mit der Unternehmerwirklichkeit nichts zu tun.

Banker nicht beliebt

Zu den Ehrengästen gehörte im Festzelt auch Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU). In den Zeiten des strukturellen Wandels habe die Stadt 15.000 Arbeitskräfte und damit auch Menschen verloren. Dass sich jemand in dieser Zeit entschließt, ein Unternehmen zu gründen, sei anerkennenswert. Grado Fenster und Türen sei auch ein Botschafter für die Stadt.

In seiner unnachahmlichen Art habe er ihm beim Kennenlernen vor neun Jahren offen gesagt, dass er Banker nicht leiden kann, verriet Ingo Freidel, Vorstandsmitglied der Volksbank Stendal, in seinem Grußwort. Der Grund sei, dass Banker bei schönem Wetter Regenschirme verkaufen, die sie ihnen bei schlechtem Wetter wegnehmen. Doch persönlich fanden die beiden einen Weg zueinander, Freidel präsentierte die wissenschaftlich erforschten sieben Geheimnisse bleibenden Erfolgs. „Das wird ihnen bekannt vorgekommen sein“, meinte er abschließend.