Akteure des "Angst(frei)-Festivals" sind mitten in den Planungen / JVA wird zur Spielstätte

Freie Entfaltung hinter Gittern

Von Nora Knappe

Rund 200 Mitwirkende haben sich für das "Angst(frei)-Festival" des Theaters im September gemeldet. Sie werden die Zellen der ehemaligen JVA kreativ gestalten und bespielen.

Stendal. "Stendal-Syndrom", "Victor Hugo Zelle", "Zelle 7 – Ein Film" oder "Stresstest": Zettel mit schwarzer Schrift kleben neben den blaugrünen Holztüren der Zellen in der ehemaligen JVA Stendal. Statt Gefangensein geht es jetzt hier um freie Entfaltung: Ideen, Kreativität, Esprit sind gefragt. Denn das leer stehende Gebäude in der Hallstraße ist Teil des "Angst(frei)-Festivals", das im September hier veranstaltet werden soll.

Rund 30 Räume, darunter über 20 Zellen, werden von Schulen, Vereinen, Jugendclubs und Einzelpersonen mit allen Mitteln der Kunst gestaltet. "Angst-Räume" nennt sich dieser Teil des Projekts, bei dem Ausstellungen, Musik, Lesungen, Performances oder Installationen gleichermaßen gefragt sind. Die Akteure sind mitten in den Planungen und Vorbereitungen, freie Zellen gibt es eigentlich nicht mehr. "Wer aber noch eine geniale Idee hat und sie ohne großen Aufwand umsetzen kann, den bringen wir auch noch unter", sagt Ludger Lemper, künstlerischer Leiter des Projekts.

Große Resonanz, vielfältige Ideen

200 Menschen haben sich bis jetzt zusammengefunden, um die "Angst-Räume" zu bespielen. "Die Resonanz war großartig", sagt Lemper, "zumal es ja kein einfaches Sujet ist. Wir waren überrascht, wie vielfältig die Themen und Ideen sind." Ende voriger Woche führte er noch Jugendliche vom Fachgymnasium Wirtschaft der Berufsbildenden Schulen durch den kühlen, beklemmend wirkenden Trakt. Sie haben sich spät gemeldet, möchten ihre Ideen aber unbedingt gern noch unterbringen. Sie wollen mit Live-Musik probieren darzustellen, wie man Ängste bekämpfen kann.

Unter den schon in Arbeit befindlichen Ideen der anderen Mitwirkenden ist zum Beispiel diese: das in die Zellen einfallende spärliche Sonnenlicht wird durch rote Fäden symbolisch durch den Raum geführt. Oder: Wandzeichnungen der Häftlinge werden animiert.

Neben dem Drinnen des Festivals soll es auch ein Draußen geben – auch wenn dieses Draußen immer noch innerhalb der Mauern des ehemaligen Knasts ist. Wo einst das Volleyballspielfeld war, wachsen inzwischen viele kleine Ahorne und Pappeln. "Die sollen durch straffällig gewordene Jugendliche an anderer Stelle gepflanzt werden, so dass hier zum Festival auch wieder Volleyball gespielt werden kann", sagt TdA-Chefdramaturg Sascha Löschner. Auch eine Freiluft-Bar soll dazu beitragen, dass es ein belebter Ort ist.

Dass sich ein Festival dem Thema Angst widmet, erscheint auf den ersten Blick merkwürdig. Die Grundlage jedoch ist eine nachdenklich stimmende Tendenz: Denn unter den Deutschen werden die Sachsen-Anhalter als am ängstlichsten eingestuft. Zwei Drittel von ihnen schauen einer Langzeitstudie zufolge sorgenvoll in die Zukunft. "Wir haben festgestellt, dass immer weniger Menschen zu ihrer Meinung stehen", sagt Sascha Löschner. "Und gerade Angst ist ein Thema, das nicht beschwiegen werden darf. Darum wollen wir diesen spielerischen Umgang mit Angst aufzeigen." Das Projekt, zu dem auch eine Umfrage zu persönlichen Ängsten der Altmärker und zwei zum Thema passende Theaterstücke gehören werden, wird die neue Spielzeit des Theaters der Altmark Anfang September einläuten.

Inhaltlich stehe das Programm, so Sascha Löschner. Bleiben noch einige technische und bürokratische Dinge zu organisieren. Unter anderem dies: "Es fehlen Fluchtwege."