Gohre l Wera Nagel las auf einem Flyer von der Eröffnung der Milchtankstelle. Die Uenglingerin setzte sich ins Auto, fuhr nach Gohre und füllte sich in Pfandflaschen zwei Liter, so wie sie aus dem Kuheuter kommen. „Diese Milch ist noch nicht tot, sie schmeckt einfach besser“, begründete sie den logistischen Aufwand und ließ sich anschließend von Volker Pöhl erklären, wie sie die Milch am besten eindicken kann.

Gemeinsam mit Dirk Zimmermann betreibt Pöhl einen Landwirtschaftsbetrieb in dem Stendaler Ortsteil, die Milchviehhaltung ist der Hauptproduktionszweig. Wie ihre Kollegen auch leiden die beiden Landwirte seit eineinhalb Jahren unter der Milchkrise. Sie bekommen einen Erzeugerpreis für ihre Produkte, der die Kosten nicht deckt.

Nun nahmen die Bauern 20.000 Euro in die Hand und investierten in eine Milchtankstelle. Dass sie damit im Falle eines noch länger anhaltenden Preistiefs ihre Milchwirtschaft nicht retten können, ist ihnen auch klar. Nur die Tagesproduktion einer Kuh, wenn es gut läuft die von zweien, kann auf diese Weise direkt zum Endverbraucher gelangen. Pöhl und Zimmermann haben aber 150 Kühe im Stall. Die Molkerei wird also nach wie vor Hauptabnehmer bleiben, die Milchtankstelle nach dem Grundsatz „kleines Risiko, kleiner Gewinn“ nur ein betriebswirtschaftlicher Nebenkriegsschauplatz.

Selbstbedienung rund um die Uhr

Die Landwirte wagen ein Experiment, setzen nach dem Motto „wer nicht wagt der nicht gewinnt“ auf das so oft beschriebene steigende Verbraucherbewusstsein. „Wir glauben, dass die Leute zunehmend regionale Produkte verlangen, weg von dem üblichen Einheitsbrei wollen“, so Zimmermann. Und Pöhl rechnet vor: „Wenn wir täglich zwanzig Liter auf diese Weise verkaufen hat sich die Investition nach acht Jahren bezahlt gemacht.“ An Gewinn sei dann allerdings noch nicht zu denken. Am Tag der Milchtankstelleneröffnung, am Sonntag, wurden immerhin schon 50 Liter verkauft.

Zum Experiment „geschubst“ wurden Pöhl und Zimmermann übrigens von einer ihnen fremden Dame, die im Juni nach frischer Milch fragte. Selbst damals konnte diese schon bedient werden. Bauern ist es nämlich gesetzlich gestattet, frische Milch ab Hof auch aus dem Tank zu verkaufen. In diesem Falle muss aber immer ein Ansprechpartner vor Ort sein. Eine Milchtankstelle ist dagegen ein „Selbstbedienungsladen“, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche geöffnet.

Weitere Tanke in Sicht

Am Eröffnungssonntag waren die beiden Bauern übrigens von der positive Resonanz überrascht. Die Werbung per Flyer und Hinweisschildern funktionierte. Rückreisende vom Havelberger Pferdemarkt machten einen Abstecher nach Gohre, um sich mit frischer Milch zu versorgen, und auch Altmärker nahmen längere Anfahrtswege in Kauf.

Wera Nagel ist der Beweis, dass der Horizont der hiesigen Verbraucher langsam über den bis zum nächsten Supermarkt hinauswächst. Für Frische und Qualität wird auch eine längere Strecke gefahren. Außerdem liegt Gohre nur fünf Kilometer entfernt von Stendal und zwischen zwei Bundesstraßen. Die Bewohner von Dörfern ohne Einkaufsmöglichkeit, das dürften mittlerweile die meisten in der Altmark sein, müssen oft längere Touren für ein normales Stück Butter in Kauf nehmen.

Gestaunt hatten die Landwirte allerdings über die altersmäßige Zusammensetzung ihrer ersten Kundschaft. „Wir rechneten eher mit den älteren Semestern, die frische Milch noch aus DDR-Zeiten kannten“, so Pöhl. Es sei aber vorwiegend die jüngere Generation gewesen, die das Angebot annahm. Entsprechend war auch am gleichen Tag noch die Resonanz. „Es schmeckt hervorragend“, wurde den Gohrern über die sozialen Medien wie Facebook bescheinigt.

Was aber, wenn das Experiment misslingt, die Gunst der Käufer auf Dauer ausbleibt? „Dann werden wir die ersten sein, die solche Anlage über das Internet wieder verkaufen“, so Pöhl. Gebrauchte Milchtankstellen seien aktuell am Markt nämlich nicht zu haben. Auf ihre neue Anlage mussten die Gohrer immerhin sechs Wochen warten.

Die Zahl der Landwirte, die mit der Direktvermarktung von Milch einige Euro dazu verdienen wollen, wächst nämlich. Vor allem im Süden werden zunehmend Milchtankstellen installiert. In Sachsen-Anhalt gab es bisher nur eine Anlage dieser Art, die von Henk Heringa aus Klietz, der von den Touristen auf dem Elberadweg profitiert.

Die Tankstelle in Gohre ist die zweite ihrer Art, aber mindestens noch eine weitere wird im Landkreis Stendal folgen. So plant der Rochauer Landwirt Karl-Otto Deutsch ebenfalls auf diese Weise in das Geschäft mit der Milch-Direktvermarktung einzusteigen.