Stendal l Über Integration kann man lang und breit reden – oder sie einfach leben. Durch ein Aufeinanderzugehen und ein Miteinander. So halten es Christine Zacharias, Sozialarbeiterin, und Anke Hartel vom Netzwerk „Integration durch Sport“. Jeden Donnerstag treffen sich die beiden Frauen in der Erich-Weinert-Sporthalle in Stendal, um ein offenes Fußballtraining zu leiten. Offen ist es für jeden, auch wenn hier im Wesentlichen Afghanen zusammenkommen – Jugendliche ab 16, aber auch Erwachsene mit eigenen Kindern. Und offensichtlich nur Männer. Das liege schlichtweg an der Sportart, sagt Christine Zacharias, die die Leidenschaft für Fußball aber teilt.

Dass auf dem Spielfeld und am Rand nur Persisch gesprochen wird, stört sie nicht. „Ein paar Wörter kenne ich, aber man muss ja auch nicht alles verstehen“, sagt die 36-jährige und lacht ein offenes, herzliches Lachen. Die jungen Männer hingegen haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass hier zwei Frauen das Sagen haben – und eine sogar mitspielt und auch angerempelt werden darf. Man lernt voneinander durch das Miteinander.

Sport gegen Lethargie

Solche scheinbar kleinen Dinge sind es, die für Zacharias und Hartel das Wesen von Integration ausmachen, Dinge, die wie nebenbei geschehen und ganz ohne ein dezidiertes „Wir bringen euch jetzt mal bei, wie das hier läuft“.

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Bevor sie selbst in der nächsten Runde auf dem Spielfeld mitmischt, erzählt Christine Zacharias von ihrer Arbeit – denn sie ist nicht zum Privatvergnügen hier, sondern beruflich. Hauptsächlich ist sie als Sozialarbeiterin in der Inlingua-Sprachschule und als Familientherapeutin tätig, führt aber eben auch das Fußballtraining fort, das sie als Landkreisbeschäftigte begonnen hat. Angefangen hat es 2015 in der Gemeinschaftsunterkunft am Möringer Weg. „Die Männer haben rumgesessen, es fehlte an Sprachkursen, Unzufriedenheit und Lethargie machten sich breit“, erinnert sich Zacharias. „Da haben wir gesagt: Machen wir Sport mit ihnen.“

Verlässlich bleiben

Viele der Jungs und Männer von damals sind noch heute dabei, einige spielen inzwischen sogar in örtlichen Fußballvereinen. „Das ist Integration durch Sport“, sagt Anke Hartel, die für das gleichnamige Netzwerk wie auch in der Migrationsberatung des DRK in Stendal arbeitet. „Beim Sport zählt die Leistung, da geht es nicht um Nationalitäten, da löst sich Schwarz-Weiß-Denken auf.“ Wichtig sei, dass man verlässlich bleibe, solche Angebote aufrecht­erhalte. „Man darf nicht aufgeben“, meint Zacharias, „muss im wahrsten Wortsinne am Ball bleiben.“

Die Donnerstagsgruppe – mal kommen mehr, mal weniger – schätzt diese Verlässlichkeit, hat in den beiden Frauen nicht nur vertraute Ansprechpartner gefunden, sondern auch untereinander einen starken Zusammenhalt entwickelt. Sie treten bei Turnieren an, einige spielen sogar in der Stadtliga mit. „Das ist dann für beide Seiten eine schöne Erfahrung“, sagt Zacharias und meint damit die Begegnung von Alteingesessenen und Neuen. „So kann man sich aneinander rantasten.“

"Es braucht alles Zeit"

Integration passiert nicht von heute auf morgen, dieser Illusion geben sich die beiden Frauen gar nicht hin. „Es braucht alles Zeit“, sagt Zacharias leicht nachdenklich, „aber es macht mir Spaß, wenn ich sehe, ich kann Menschen die Möglichkeit geben, ins Leben zurückzufinden.“ Sie und ihre Kollegin Anke Hartel bekämen Dankbarkeit zu spüren, Begeisterung und Neugier. Und den Wunsch nach Dazugehören. „Wir erleben das Bild ganz anders, als es in den Medien dargestellt wird.“

Und sie wissen, was die Menschen, die hier so unbeschwert miteinander Fußball spielen, durchgemacht haben: „Viele sind entwurzelt, wissen nicht, was aus ihren Angehörigen geworden ist, wo sie sind.“ Die Fluchterzählungen erschüttern. Bei Anke Hartel klingt eine Spur Demut mit, wenn sie angesichts dessen fragt: „Was muss ein Mensch alles ertragen?“

Trainerinnen stellen sich vor

Das (für alle Nationalitäten und Geschlechter) offene Fußballtraining findet jeden Donnerstag von 13.30 bis 15 Uhr in der Erich-Weinert-Sporthalle in Stendal statt. Teilnahme ab 16 Jahren.Nur für Frauen (ab 16 Jahre) gedacht ist ein Sportangebot immer donnerstags 16-17.30 Uhr in der Winckelmann-Sporthalle Moltkestraße. Dort stellen Trainerinnen verschiedenster Vereine verschiedene Sportarten vor – von Staffelspielen über Aerobic bis zu Badminton und Fußball.
Trainerinnen, die sich dort gern einmal präsentieren möchten, können sich bei Anke Hartel unter Tel. 015778811888 oder bei Christine Zacharias per Mail an tizach@web.de melden.