Stendal l Die Mahn- und Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen gibt es seit fast 70 Jahren, „aber sie entsteht derzeit neu“. Mit dieser Feststellung stieg Gedenkstättenleiter Andreas Froese in seinen Vortrag „Aufschrift ‚Unbekannt‘“ ein und gab damit den Rahmen seiner Ausführungen vor. In denen stellte der Historiker das Areal am Gardelegener Ortsrand als historischen Tatort und als Begräbnisort vor. Gardelegen sei ein Beispiel dafür, dass die nationalsozialistischen Verbrechensorte nicht nur weit weg waren, wie das KZ Auschwitz-Birkenau, sondern auch direkt vor Ort.

Den Gästen der Eröffnungsveranstaltung im Stendaler Stadtarchiv, zu denen auch Fünftklässler des Osterburger Markgraf-Al­brecht-Gymnasiums gehörten, schilderte Andreas Froese die Ereignisse im April 1945. Er berichtete über die Züge, in denen KZ-Häftlinge aus den Lagern Mittelbau-Dora und Hannover-Stöcken in Mieste beziehungsweise Letzlingen ankamen, über die Todesmärsche nach Gardelegen und dann am 13. April zur Feldscheue.

Mit dem Grauen konfrontiert

In der Nacht zum 14. April ereignete sich dort ein Massaker, das weltweit zum Synomym für NS-Verbrechen geworden ist. Der Leiter der Gedenkstätte ging auf die Tage danach ein, an denen die US-Armee die Gardeleger Bürger in den Ort des Grauens befohlen hatte – eine Konfrontation aus pädagogischer Sicht, so Froese, damit die Gardeleger Verantwortung übernehmen und die Verpflichtung eingehen, dass sich dies nie wiederholen möge.

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Auf dem Gräberfeld gibt es 1023 Einzelgräber. Dort sind 1016 Opfer des Massakers beigesetzt sowie sieben Häftlinge, die auf dem Todesmarsch ums Leben kamen. Aktuell sind die Namen von 308 der dort Beigesetzten bekannt, auf vielen anderen Kreuzen steht „Unbekannt“ (daher der Vortragstitel). „Weitere Namen zu erforschen, ist unsere Daueraufgabe“, sagte Andreas Froese. Derzeit sind er und sein Team aber mit den letzten Arbeiten im neuen Besucher- und Dokumentationszentrum beschäftigt. In diesem Jahr soll es eröffnet werden. Seit November vorigen Jahres nutzen die Mitarbeiter der Gedenkstätte, die seit 2015 zur Stiftung Gedenkstätte Sachsen-Anhalt gehört, schon ihre Büros im neuen Zentrum.

Graphiv Novel wird entstehen

Derzeit wird in dem langgezogenen Gebäude, das unter anderem Seminarräume bietet, die Dauerausstellung vorbereitet. Im großen Ausstellungsraum wird es einen kleineren Kinoraum geben, in dem historische Aufnahmen der US-Armee gezeigt werden, die in den Tagen nach dem Massaker entstanden sind. Mittels dreidimensionaler Technik wurde die Ausstellung entwickelt. „Wir konnten dabei durch Räume gehen, die es noch gar nicht gab“, beschrieb Andreas Froese die Arbeit.

Zu den Besonderheiten werden Graphic Novels gehören, also „gezeichnete Romane“. Denn weil es keine Fotos oder Filme vom eigentlichen Tatgeschehen gibt, wird dieses auf Basis von überlieferten Quellen gemalt – wobei der Künstler Lücken und Widersprüche in den Darstellungen berücksichtigt. „Gardelegen als Ausstellungsort probiert mal etwas Neues aus“, freut sich der Gedenkstättenleiter auf dieses moderne Element in der Dauerausstellung. Das neue Dokumentationszentrum soll auch ein Bildungsort werden, es wird Veranstaltungen und Seminare geben.

Veranstaltungen fördern das Leben in Vielfalt

Der 75. Jahrestag des Massakers an der Isenschnibber Feldscheune wird am 6. April mit einer Gedenkfeier begangen. Dazu werden Prominenz aus der Bundespolitik und aus dem Ausland erwartet, erklärte Froe­se. Vorverlegt wird die Veranstaltung, weil der 13. April, an dem sonst die Veranstaltung stattfindet, Ostermontag ist. Bereits am 27. Januar gibt es eine Gedenkfeier anlässlich des bundesweiten Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der wird seit 1996 am 27. Januar begangen, dem Tag, an dem das KZ Auschwitz-Birkenau befreit worden war.

Dieses Datum war vor fünf Jahren der Anlass, in Stendal die Aktionswoche „Denken ohne Geländer“ ins Leben zu rufen. Seither organisieren die Hochschule Magdeburg-Stendal, das Theater der Altmark und die Landeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit vielen Partnern eine Woche des Erinnerns und Denkens ohne Geländer. Mit dem Markgraf-Albrecht-Gymnasium Osterburg und der Diesterweg-Sekundarschule Stendal sind in diesem Jahr auch zwei Schulen als Veranstaltungsorte und Mitgestalter dabei.

„Erinnern heißt, die Gegenwart miteinander zu gestalten“, sagte Prof. Katrin Reimer-Gordinskaya zur Eröffnung der Aktionswoche, die Angebote für jede Altersgruppe macht, unabhängig von Religion und Herkunft. Angebote, die das Leben in Vielfalt fördern – so wie es das Logo von „Denken ohne Geländer“ zeigt: miteinander verbunden der Halbmond, das Kreuz und der Davidstern.