Stendal l Er ist groß. Die Haare sind an den Seiten fast kahl geschoren, oben etwas länger. Er hat ein breites Kreuz und unter dem grauen Pullover sind die trainierten Arme deutlich zu erkennen. Gemeinsam mit zwei weiteren Personen war der 44-Jährige an einem Raubüberfall auf einen NP-Markt in Stendal am 17. Juli 2020 beteiligt – so die Anklage. Vor dem Landgericht Stendal muss er sich dafür verantworten. Ein Gutachter wurde damit beauftragt, seine Schuldfähigkeit zu prüfen.

Der 73-jährige Psychologe hatte sich mit dem gelernten Industriemechaniker Mitte Dezember in der Justizvollzugsanstalt Burg getroffen, wo der mutmaßliche Täter bis heute in Haft sitzt. In ihren Gesprächen musste der Psychologe folgende Fragen beantworten: War der Angeklagte nicht im Besitz all seiner Sinne, beispielsweise durch den Konsum von Drogen, und hat seine Steuerungsfähigkeit verloren? Liegt eine krankhaft seelische Störung vor? Hat ihn ein Hang zu Drogen zur Tat getrieben? Oder ist er psychopathisch veranlagt?

Steuerungsfähigkeit

In seinem Gutachten erklärt der Psychologe vor Gericht, dass der Angeklagte sich einen Plan gemacht hat. Er fuhr mit seinen mutmaßlichen Mittätern verschiedene Supermärkte in Rathenow und Stendal ab. Der NP-Markt an der Lüderitzer Straße wurde als Ziel auserkoren. Es war kurz vor 20 Uhr, in den Laden könne niemand reingucken und aufgrund der Corona-Krise war weit und breit niemand zu sehen.

Der 44-Jährige ist mit einer bisher unbekannten Person sowie mit einer Softairpistole bewaffnet in den Markt gegangen. Der zweite Angeklagte stand draußen Schmiere. Drinnen wurden zwei Verkäuferinnen mit Kabelbindern gefesselt, die der Angeklagte zur Vorbereitung dabei hatte. Die dritte Verkäuferin händigte das Geld aus: rund 4500 Euro aus Tresor und Kassen. Als er fliehen wollte, hat ihn die Polizei in der Nähe des Marktes gefasst.

Da der Plan komplex war, der Täter logisch handelte, er sich sogar vorbereitete und bei seinen Gesprächen mit dem Gutachter klar an die Tat erinnern konnte, stellte der Psychologe keine Minderung der Steuerungsfähigkeit fest.

Krankhafte seelische Störung

Aufgewachsen ist der Angeklagte in Mecklenburg-Vorpommern. Mit seinen zwei Brüdern war er zwischenzeitlich im Heim. Seine Eltern haben sich früh getrennt und sein Stiefvater wollte ihn nicht. Sowohl Stief- als auch leiblicher Vater hatten Alkoholprobleme. Missbrauch oder Gewalt hat er nicht erfahren.

In seiner Familie soll es eine vererbbare Nervenkrankheit geben. Von einem Arzt hat sich der dreifache Vater jedoch noch nie diagnostizieren lassen, so der Gutachter.

Seelisch belastend sind für ihn seine Geldsorgen. Er soll Schulden bei der rumänischen und bulgarischen Mafia haben. Auch habe er rund 125.000 Euro Schulden aus seiner Hamburger Vergangenheit, wo er unter anderem Anfang der 2000er Jahre Drogen verkaufte.

Und Drogen nimmt der Angeklagte seit mehr als 20 Jahren – meist Cannabis, manchmal Kokain. Eine krankhaft seelische Störung konnte der Psychologe nicht feststellen.

Hang zu Drogen

Hat ihn sein Drogenkonsum zur Tat getrieben? Ein Hang liegt dem Psychologen zufolge vor. Eine Bedeutung für die Tat sei jedoch fraglich. Der Angeklagte kenne keine Entzugserscheinungen, da immer etwas da war. Und an dem Tag des Raubüberfalls hat er lediglich am Morgen einen Joint geraucht. Beim Autofahren würde er zudem nicht rauchen. Der Führerschein sei ihm wichtiger als die Sucht.

Drei Tests des Gutachters haben ergeben, dass der Mann nicht hochgradig psychopathisch ist. Eine psychopathische Checkliste (PCL-R) hat ihn mittelgradig eingestuft.

In einem anderen Test hat der Gutachter eine Kriminalprognose erarbeitet. Diese sei ungünstig für den Angeklagten. Es sei sehr wahrscheinlich, dass der Mann, der zwölf Einträge im Strafregister hat, zukünftig weitere Straftaten begehen wird. Der Psychologe weist aber auch darauf hin, dass dieses Ergebnis individuell abweichen kann.

Ein Urteil vom Landgericht Stendal wird für Montag, 22. Februar, erwartet.