Stendal l Außer Spesen nichts gewesen. In der vergangenen Woche ist vor dem Amtsgericht Stendal ein Prozess um Besitz und Handel mit beziehungsweise Abgabe von Betäubungsmitteln an Minderjährige geplatzt, weil der Angeklagte unentschuldigt fehlte. Über den 34-Jährigen aus Tangerhütte hat die Volksstimme schon mehrfach berichtet.

So war er 2017 vom Amtsgericht im Zusammenhang mit Drogendelikten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Im Juli vorigen Jahres folgte eine weitere Verurteilung. Das Landgericht Stendal sprach ihn nach zwei Fehlversuchen im dritten Anlauf des Besitzes von Betäubungsmitteln in nichtgeringer Menge und Fahrens ohne Fahrerlaubnis in Tateinheit mit Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz und Urkundenfälschung schuldig und verurteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung.

Zugleich ordnete die 1. Strafkammer die Unterbringung des 34-Jährigen im Entziehungsanstalt (Maßregelvollzug) Bernburg zur Drogentherapie an. Gerichtspsychiater Dr. Reiner Friedrich, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Lüneburg, hatte dem Angeklagten als zwingend nötige Voraussetzung zur Einweisung in den Maßregelvollzug einen Hang zu Drogen bescheinigt.

Im Maßregelvollzug fehlen 50 Plätze

Das Landgerichtsurteil ist nach Angaben von Gerichtssprecher Michael Steenbuck rechtskräftig. Weil nach Information der Verteidigerin des Angeklagten und von Amtsrichterin Petra Ludwig kein Therapieplatz im Landeskrankenhaus für Forensische Psychiatrie Bernburg frei war, blieb er in Freiheit – und verübte neue Straftaten, die jetzt ihn jetzt erneut vor Gericht brachten beziehungsweise bringen sollten. Nicht nur das.

Wegen der neuen Straftaten wurde seine 2017 vom Amtsgericht ausgesprochene Bewährungsstrafe von 22 Monaten widerrufen. Weil er diese Haftstrafe aber nicht antrat und er nicht aufzufinden ist, wurde Haftbefehl erlassen. Dazu kommt nun ein zweiter, den das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Ludwig erließ. „Skandalös“, kommentierte Ludwig, dass in Bernburg nicht ausreichende Therapieplätze vorhanden sind.

Ihr Kollege, Richter Rainer Mählenhoff, schlug in die selbe Kerbe: „Eine Sauerei.“ Seiner Auskunft nach würden in Sachsen-Anhalt 50 Plätze im Maßregelvollzug fehlen. Und auch Verteidigerin Katja Sonne-Albrecht ließ ihrem Unmut freien Lauf: „Unglaublich.“

Zum Prozessauftakt waren allein fünf Polizeibeamte als Zeugen geladen und auch gekommen. Dazu Gerichts- psychiater Friedrich aus Lüneburg als Sachverständiger. Richterin Ludwig setzte den aktuellen Prozess aus. Wenn der 34-jährige Familienvater von der Polizei gefunden wurde und er in Haft ist, soll ein neuer Termin von Amts wegen anberaumt werden.