Zur Person

Bernd Zürcher ist waschechter Stendaler – seit 64 Jahren. Der gelernte Baufacharbeiter mit Abitur ist seit 2003 Leiter der Regionalstelle Nord des Paritätischen in Stendal, war dort auch schon von 1991 bis ‘92 angestellt, wechselte dann für zehn Jahre in den Autohandel. „Eine wichtige Zeit, da habe ich viel über den Umgang mit Menschen gelernt.“ Während dieser Phase blieb er dem Paritätischen als Ehrenamtlicher treu.

Bernd Zürcher ist verheiratet, hat drei Töchter und einen Sohn, vier Enkeltöchter und zwei Enkelsöhne.

Die Menschen hierzulande werden immer gereizter, egoistischer, rüder – täuscht dieser Eindruck?
Bernd Zürcher: Die Wahrnehmung habe ich auch. Die Menschen rücken auseinander, da ist immer mehr „Ich“ und ganz wenig „Wir“.

Ist es übertrieben, da von einer Spaltung zu reden?
Es könnte dahin führen. Aber ich bewahre mir eine gesunde Naivität und denke: Wenn die Menschen begreifen, dass das, was vor uns liegt, eine Katastrophe werden kann, dann müssen sie doch zusammenrücken. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Und wir werden innerhalb der Gesellschaft auch gegeneinander ausgespielt. Wir reden zu oft übereinander und nicht mehr miteinander.

Der Neid wird geschürt. Also gibt es zu viele Einzelinteressen, zu viele Egoismen?
Wir kommen da nie mehr auf einen Nenner wie 1989. Es gibt keine gleiche Ohnmacht mehr.

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Es ist neuerdings so viel Missgunst und Abgrenzung und gleichzeitig eine große Anspruchshaltung in unserer Gesellschaft, finde ich.
So ist der Mensch: Neidisch und missgünstig. Eine kommunistische Gesellschaft wird es nicht geben, dazu sind wir zu verschieden. Aber ich erwarte von den Gehirnen der Menschen, dass sie sich anstrengen, mitmachen. Nicht immer nur meckern und gegen alles mögliche sein und sich aufregen, sondern selbst etwas bewegen, für etwas eintreten und aktiv werden. Ohne gleich die ganze Welt ändern zu wollen. Manchmal muss man auch streiten für die Ziele – aber sich dabei nicht bekämpfen.

Das klingt ganz einfach, aber dennoch ziehen wir uns gern aus der Verantwortung und sagen: Soll der Staat mal machen, schließlich zahle ich Steuern.
Das hat zum Teil mit unserer Geschichte zu tun, in der DDR. Da wurde alles gerichtet vom Staat. Ja, Gemeinwohl und Engagement wird nach meiner Einschätzung immer weniger, die Menschen fühlen sich immer weniger für ihr Umfeld verantwortlich. Das merkt man überall: Nachfolger für Ehrenämter zu finden, vor allem in den Vorständen, wird immer schwieriger. Da kommt noch was auf uns zu.

Kann man etwas tun gegen diese Egal-Haltung, die ja vielleicht auch aus einer gewissen Resignation rührt?
Ganz von meiner Person ausgehend, sehe ich es als Aufgabe an, dass ich, wenn ich vernünftig leben will, mit denen, die um mich herum sind, reden muss. Die Politik der vergangenen Jahre trägt hier eine ganz große Verantwortung. Aber nur den Politikern die Schuld zu geben, ist zu einfach, jeder Einzelne war und ist gefragt. Wir müssen begreifen, unsere Geschicke wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Das hört sich nach Revolution an...
Naja, normalerweise müsste man sich jetzt eine kleine gelbe Weste als Anstecker ans Revers heften. Bei diesen Protesten in Frankreich ist schon viel dabei, was ich verstehen kann. Aber ich bin nicht fürs Radikale. Ich meine, dass wir in den Köpfen der Menschen etwas ändern müssen, sie für Dinge interessieren, die sie nicht direkt, nicht akut betreffen. Das geht nur, indem man ihnen vormacht, wie man etwas erreichen kann.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel Barrierefreiheit. Aus der Ferne kann man da lang und breit reden oder Beschlüsse fassen, die an der Wirklichkeit vorbeigehen. Wir, also der Paritätische, der Offene Kanal und die Hochschule Stendal, haben ein Filmprojekt im ländlichen Raum gemacht, haben dazu mit dem Ortsbürgermeister gesprochen, haben uns alles mit Betroffenen und mit interessierten Bürgern angeschaut. Und die Leute vor Ort waren erstaunt, wo es so hakt und was man machen könnte. Daraus ist dann eine Gruppe „Barrierefreies Seehausen“ entstanden, die sich die Zustände regelmäßig anguckt und Aktionen startet. In Tangermünde hat das schon Nachahmer gefunden. Das zeigt mir: Wenn Menschen gemeinsam an einem Ziel arbeiten und merken, dass es im Kleinen geht, dann spornt das an.

Dennoch machen sich‘s die meisten von uns lieber gemütlich, bewegen sich nur in ihrem privaten Kosmos.
Tja, es gibt wohl eine bestimmte Anzahl von Menschen, die dieses Helfen und Etwas-für-die-Gemeinschaft-Tun in sich tragen. Die können aber andere mitreißen und motivieren. Klar, man bekommt dafür nicht immer etwas, im materiellen Sinne. Aber das Schöne am Helfen ist ja, dass es für Harmonie sorgt und einem ein Wohlgefühl verschafft.

Neulich habe ich das Joan Baez zugeschriebene Zitat gelesen: „Handeln ist das Gegenmittel bei Verzweiflung.“ Was raten Sie denen, die sich einbringen möchten, aber vielleicht nicht wissen, wie und wo?
Das fängt doch schon in der kleinsten Zelle nach der Familie an: der Nachbarschaft, dem Dorf. In Jerchel zum Beispiel durfte ich erleben, wie die Bürger gemeinsam ein Weihnachtssingen organisierten. Da sind die Menschen ganz aktiv und taten etwas für ihren Ort und damit auch für sich. Viele helfen, tragen etwas dazu bei. Man ist zusammen und macht zusammen etwas. Das war eine wunderschöne, emotionale Veranstaltung.

Interessant ist ja dieser Widerspruch: Einerseits sind wir zu bequem, uns selbst zu engagieren und für bestimmte Dinge zu kämpfen, andererseits wollen wir aber auch nicht immer alles „von oben“ diktiert bekommen.
Ja, von oben aufgesetzt funktioniert nicht. Viele Entscheidungen müssten bürgernäher getroffen werden. Und damit meine ich nicht Volksentscheide, ich meine Beteiligung und vor allem Anhören wie zum Beispiel bei der Informationsveranstaltung über die geplante Zentrale Aufnahmestelle in Stendal. Es wurde mit den Bürgern gesprochen, danach war ein bisschen der Dampf raus. Klar, Blöker gibt es immer, alle kriegt man nie zufrieden. Oder nehmen Sie die Regionalkonferenzen von Parteien, diese Herangehensweise fand ich gut.

Parität – das bedeutet Ausgewogenheit, Ausgleich, damit ist es ja zurzeit nicht so weit her. Was heißt das für Ihre Arbeit?
Unsere Arbeit ist tatsächlich ein ständiger Kampf mit der Wirklichkeit. Mit Bürokratie und damit, dass Arbeit im Sozialen und Kulturellen von der Politik als „freiwillige Leistung“, im Zweifelsfall als Nebensache gesehen wird. Wirtschaft hat Vorrang, das Wesen unserer Gesellschaft ist der Ellenbogen. Selbst die Wohlfahrtsverbände sind ja untereinander Konkurrenten, das ist doch verrückt...

Was motiviert Sie dann aber, was gibt Ihnen Kraft? Sie wirken immer so ausgeglichen und zuversichtlich.
Muttermilch (grinst). Und ich habe Spaß daran, mit Menschen unterschiedlicher Couleur umzugehen. Wenn ich bei unseren Kunstplatteprojekten die Freude, die leuchtenden Augen der Akteure sehe, dann ist alles andere weg. Und ich bin innerlich ruhiger geworden, das ist vielleicht das Alter. Das Schöne hier im Landkreis Stendal ist, dass man mit den Leuten in der Führungsebene reden kann, da kann man spinnen, Visionen entwickeln und gucken, was man verändern kann. Da zeigt sich wieder: Wir müssen miteinander reden!

Glauben Sie an das Gute im Menschen?
Ja! Man sollte sich nur eingestehen, dass man als Mensch nie fertig ist. Das hilft vielleicht. Und offen auf andere zugehen. Ich habe auch keinen Brustpanzer, bin verletzlich. Aber eines bin ich über die Jahre geworden: offener, authentischer, ehrlicher.

Und Sie sind gern unter Menschen, richtig?
Ja, sehr gern. Aber ich kann auch schweigen. Schweigen und zuhören.

Ich will Sie gern gleich Ihrem Schweigen überlassen, aber eine Frage noch: Können wir Medien etwas besser machen, um die eingangs besprochene Spaltung nicht zu befördern?
Ich weiß ja, Sie müssen Auflage machen. Wenn Bernd Zürcher beim Hochwasser eine Spende übergibt, ist das nicht unbedingt eine Nachricht wert. Aber wenn er dabei ins Wasser fällt, dann schon (lacht). Aber im Ernst, ich kann nur sagen: Schreibt immer die Wahrheit! Aber was ist schon Wahrheit, da hat jeder seine eigene. Und natürlich gibt es immer Leute, die mehr klappern und dann öfter im Blatt sind. Da müssen wir als Vereine, Akteure aber selbst auch aktiver werden und uns bemerkbar machen. Da ist es wieder: Das Miteinanderreden.

Und machen wir uns nichts vor: Es wäre doch naiv, zu glauben, dass man alles abbilden kann, was passiert. Ich finde, Sie, und da meine ich vor allem den Lokalteil, machen eine gute Arbeit. Für mich sind die Medien da, um zu informieren. Sie sollen nicht Stimmung oder Meinung machen, aber eine Meinung haben.