Richter in Brüssel

Große Politik statt Omas Erbe

Vier Monate verbrachte Richter Michael Steenbuck in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts in Brüssel. Durch die Hospitanz entdeckte er den Europäer in sich.

Von Thomas Pusch

Stendal l Schon lange hatte sich Michael Steenbuck, Richter am Stendaler Landgericht, darum bemüht, sich bei einem Auslandsaufenthalt neues Wissen anzueignen. Vor drei Jahren absolvierte er einen berufsbegleitenden Studiengang zu den Themen Recht, Wirtschaft, Politik und Sprachkompetenz, der ihn darauf vorbereiten sollte. Allerdings dauerte es doch ein bisschen länger, bis es nun mit einem viermonatigen Praktikum in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in Brüssel klappte. "Das gehörte zum Landesprogramm ,Sachsen-Anhalt stark in Europa`", erklärte Steenbuck.

Gemeinsamkeiten von Recht und Politik

"In meinem normalen Leben arbeite ich als Richter in Stendal. In meinen Akten zuhause streitet man sich um die Schadensersatzpflicht nach einem Verkehrsunfall oder um Großmutters Erbe, in Brüssel ficht man um politische Inhalte", verglich er. Aber eins hätten Rechtspflege und Politik gemeinsam: Man braucht gelegentlich Geduld und Ausdauer.

Und auch das europäische Recht habe sehr viel mit seiner Tätigkeit im Landgericht zu tun - mehr, als gemeinhin wahrgenommen wird. "Die Gesetzgebung, auch das Zivilrecht, in dem ich tätig bin, wird durch Europa mitgestaltet", erklärte er.

Widerspruch zum Stammtisch

Auch entdeckte Steenbuck den Europäer in sich, ist noch überzeugter als vorher, "dass trotz allen Verdrusses an den Stammtischen die Europäische Union ein ganz tolles Projekt ist". Der Wettbewerb von Anbietern zwischen Italien und Finnland führe zu einer größeren Auswahl zwischen besseren Produkten zu billigeren Preisen.

"Bei Auslandsreisen brauchen wir keine Währung mehr einzutauschen, keine Visa mehr zu beantragen, keine Grenzkontrollen mehr abzuwarten und demnächst auch keine Roaming-Entgelte für das Handy mehr zu zahlen", zählte er auf. Die Europäischen Fonds seien - gerade für die Menschen in Mitteldeutschland - eine wichtige Quelle für lokale In-frastrukturmaßnahmen.

Blick in die Geschichte

Natürlich könne vieles vor Ort besser und sachnäher entschieden werden. Aber das, was alle gemeinsam angeht, müsse eben zentral geregelt werden. Sonst komme es zur Kleinstaaterei und die Europäer könnten sich global nicht mehr behaupten.

Steenbuck wagte einen Blick in die Geschichte: "Nach dem Wiener Kongress im Jahr 1815 bestand der Deutsche Bund aus 34 Fürstentümern, vier freien Städten sowie Teilen von Preußen und Österreich. Ich kenne niemanden, der sich diese Zersplitterung zurückwünscht." Heute, 200 Jahre später, definierten wir uns in erster Linie nicht mehr als Holsteiner, Badener oder Sachsen, sondern als Deutsche. Und im Jahr 2215? Vielleicht fühlen sich unsere Nachfahren dann als Europäer. "Die Tätigkeit bei der Union hat bei mir jedenfalls ein Stück europäisches Identitätsbewusstsein geschaffen", fasste er zusammen.

Nach vier Monaten in dem von Mitarbeitern der Europäischen Union und vielen Touristen aus aller Herren Länder geprägten Brüssel ist Steenbuck nun wieder nach Stendal zurückgekehrt. Ab September ist er wieder als Richter am Landgericht tätig. Außerdem bekleidet er die Funktion des Pressesprechers.

Michael Steenbuck, Sprecher des landgerichtes Stendal
Michael Steenbuck, Sprecher des landgerichtes Stendal
Wolfgang Biermann