Stendal l Briefmarken können Geschichte erzählen. Und Sammler wie der Stendaler Helge Schinkel können über diese historischen Ereignisse ihre Geschichten erzählen. Und der 59-Jährige ist tief in ein geschichtliches Ereignis eingedrungen, das sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährte – nämlich die Währungsreform von 1948.

„So richtig bin ich 1998 auf das Thema aufmerksam geworden“, erzählt Schinkel. Zum Jubiläum der fünfzigsten Wiederkehr des Ereignisses waren ihm Briefmarken aufgefallen, die einen Aufdruck mit dem Schriftzug „20 Stendal“ hatten. „Da wollte ich genauer wissen, was da los ist“, sagt er. Mit seiner ihm ganz eigenen Akribie widmete sich der Gymnasiallehrer der Sache und hat eine einzigartige Sammlung aufgebaut, die ihm bei Ausstellungen bereits viermal das Prädikat „Gold“ einbrachte.

D-Mark-Einführung wurde zum Problem

Doch was ist so speziell an dem Thema? Es geht um Briefmarken, die lediglich 17 Tage verwendet werden durften und sogenannte Provisorien sind. Die Marken mit dem speziellen Stempel gab es nur vom 24. Juni bis 10. Juli 1948.

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Was war aber der Hintergrund für diese eingeschränkte Ausgabe der Briefmarken? In der amerikanischen und britischen Zone wurde ohne Vorankündigung am 21. Juni 1948 eine neue Währung eingeführt – die D-Mark. Dies führte zwei Tage später in der Sowjetischen Besatzungszone (auch SBZ genannt) zu Notmaßnahmen. Es sollte verhindert werden, dass die bisher in allen Besatzungsgebieten gültigen Geldscheine und Briefmarken massenweise in der SBZ in Umlauf gebracht werden und zu inflationären Zuständen führen. Da in der Eile keine neuen Briefmarken gedruckt werden konnten, wurden bisher gültige Marken einfach mit einem Stempel überdruckt. Per Telegramm waren alle Postämter über dieses Vorgehen informiert worden. Vorhandene Handstempel, die eigentlich für Postanweisungen und Zahlkarten verwendet wurden, wurden einfach umfunktioniert. „20“ war die Stendaler Postamtsnummer.

„Es gab in Stendal sechs Stempel“, weiß Helge Schinkel. Und das sagt er nicht nur so dahin, er hat für jeden einzelnen Stempel Dutzende Briefmarkenbelege. Die Stempelabdrucke sehen zwar oberflächlich betrachtet alle gleich aus, bei genauerem Hinsehen aber sind winzige Unterschiede erkennbar. „Das ist Forschungsarbeit“, sagt er. Man könne es auch mit der Kriminalistik vergleichen. Er besitzt zusammenhängende Briefmarkenblöcke, die mit zwei unterschiedlichen Stempeln versehen sind. „Da kann man erkennen, dass ein Postbediensteter Pause gemacht hat und ein anderer die Arbeit dann fortgesetzt hat“, sagt er mit verschmitztem Grinsen.

Da Postdienstleistungen wie Eilbrief oder Postkarte unterschiedlich teuer sind, gibt es auch immer unterschiedliche Markenwerte. So wurden ab 1946 zwei sogenannte Kontrollratsserien mit zusammen 48 Werten herausgegeben. Diese wurden 1948 zum überstempeln verwendet. Helge Schinkel besitzt fast alle Variationen, auch viele Mischfrankaturen. Das heißt, dass unterschiedliche Marken auf einem Brief gleichzeitig verwendet wurden. Ohnehin hat Schinkel die meisten Marken als Ganzsachen – also auf Briefen.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich am Ende alles mit einem Beispiel belegen kann“, sagt er. Er hat damit eine einzigartige posthistorische Sammlung zusammengetragen, die zwar für andere Orte auch denkbar wäre, aber in der Dichte kaum realisierbar ist. Schinkel hat zahlreiche Belege auch aus anderen altmärkischen Orten wie Goldbeck, Bismark, Tangermünde und Tangerhütte. Er möchte jetzt, da Stendal nahezu abgeschlossen ist, die Sammlung auf die Region ausweiten. „Man bekommt immer wieder tolle Belege angeboten.“ In Sammlerkreisen ist bekannt, worauf der Stendaler scharf ist.

Marken werden auf ihre Echtheit geprüft

„Bei Ebay ist da nichts zu machen“, sagt er. Die schönsten Stücke hat er entweder direkt von anderen Sammlern oder aber bei Auktionen ersteigert. Er bezahlt schon mal eine drei- stellige Summe für einen Beleg, das ist aber die Ausnahme. Mit Briefmarken werde kein Reichtum angesammelt. Ihm geht es vielmehr um das Kribbeln, ganz besondere Stücke zu ergattern, die die Sammlung vervollständigen. Kurioserweise gibt es in den USA und in Schweden einige Sammler, die genau die Provisorien aus der SBZ sammeln, sagt Schinkel. Dies habe damit zu tun, dass der damalige DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski in Mühlenbeck unter Aufsicht der Stasi nicht nur Kunstgegenstände und Antiquitäten zusammengesammelt hat, um sie ins Ausland zu verkaufen, sondern eben auch besondere Briefmarken.

Das Sammelgebiet sei höchst fälschungsanfällig, sagt Schinkel, da Stempel nachgemacht werden könnten. „Ich lasse meine Belege allesamt prüfen“, sagt der Sammler, der 25 Jahre lang den Stendaler Verein „Roland“ geführt und den Vorsitz vor einiger Zeit abgegeben hat. Das Prüfen kostet zwar auch ein bisschen Geld, gibt ihm aber die Gewissheit, dass er ausschließlich Originale hat.

Interessant für ihn ist innerhalb seines Sammelgebietes der 30. Juni 1948. Da mussten alle Firmen ihre Umstellung auf die neue Währung der Deutschen Wirtschaftskommission in Berlin melden. Schinkel besitzt die interessant frankierten Briefumschläge von vielen Stendaler Firmen wie zum Beispiel Ramelow, Bertram und der Hanse-Brauerei.