Stendal l Es ist bei Weitem nicht nur Kunst – und aus der Platte hat sie längst den Weg hinaus gefunden. Und doch bleibt es dabei: Die „Kunstplatte“ heißt, wie sie heißt. Von einem kreativen Ferienprojekt ist sie 20 Jahre später zu einem etablierten Kulturzentrum und festen Bestandteil der Kinder- und Jugendarbeit im Landkreis Stendal geworden. Mehr noch: Für nicht wenige junge Menschen war und ist die Kunstplatte ein Mutmacher und ein Wegbereiter in den Beruf. Zumindest haben sich hier seit jeher Talente, Wünsche, Ziele verfestigt und bestätigt.

Selbst Ideen umsetzen

Zwei, die das Kind Kunstplatte beim Großwerden begleitet haben, sind Bernd Zürcher, er ist Vereinsvorsitzender, und Sebastian Socha, als Schatzmeister im Vorstand und Verbindungsknüpfer zur Musik- und Kunstschule Stendal. Im Gespräch mit ihnen versuchen wir, dem Phänomen Kunstplatte auf die Spur zu kommen.

Am Credo der Kunstplatte hat sich bis heute nichts geändert: Hier kommt man nicht her, um bespaßt und unterhalten zu werden, sondern um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Sich gemeinsam etwas überlegen, zu Kompromissen finden, Konflikte überwinden, sich gegenseitig bestärken und unterstützen. „Dabei verstehen wir uns als Geburtshelfer für die Ideen und Initiativen der jungen Akteure“ – so ist es nicht nur auf der Homepage der Kunstplatte formuliert, so würde es einem wohl jeder sagen, der für den Verein aktiv ist.

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Neue Kraft nach dem Bruch

Als wichtigste Tugend wird den Kindern und Jugendlichen das Durchhalten vermittelt. „Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt, sich anzustrengen und an einer Sache dranzubleiben, auch wenn man zwischendurch mal die Lust verliert oder verzweifelt“, sagt Sebastian Socha und spricht damit einen Aspekt an, der sogar die Kunstplatte selbst betrifft. Bernd Zürcher nimmt den Faden auf: „Ein großer Bruch für uns kam 2011/2012, als der Block zurückgebaut wurde und nicht klar war, ob wir bleiben können. Wir sind für anderthalb Jahre ausgezogen, waren damit als Ansprechpartner in Stadtsee weg und haben uns die Frage gestellt: Braucht man uns überhaupt noch?“ Als kollektive Antwort muss sich ein Ja durchgesetzt haben – schließlich ist die Kunstplatte in ihr altes Domizil zurückgekehrt und hat im Verein Kinderstärken einen verlässlichen Partner gefunden, mit dem man sich die Räume teilt.

Aber der Bruch brachte eben auch eine Veränderung. Die Kunstplatte wagte sich neben dem bewährten Vor-Ort-Sein auf einen neuen Weg: den in den ländlichen Raum. Tanz-, Theater-, Film- und Medienworkshops gibt es jetzt auch außerhalb der Stadtsee- und der Stendal-Grenzen, bis hin nach Arendsee.

Begeisterung steckt an

Dass die Kinder etwas für sich selbst schaffen und sehen, was sie alles können, ist das eine. Das andere ist die Wirkung: „Die Begeisterung der Projektteilnehmer strahlt häufig auch auf die Familien und das weitere soziale Umfeld aus“, sagt Zürcher. Erfolg und die Freude darüber steckt halt an. Sofern man bereit ist, ihn neidlos anzuerkennen.

Diese Art des Miteinanders hat auch Sebastian Socha geprägt. Der 36-Jährige ist heute in der Hansestadt Stendal vielfältig musikalisch und musikpädagogisch unterwegs. Seine erste Berührung mit der Kunstplatte hatte er als Mitglied der Musikschulband, aus der das Kinder- und Jugendorchester „Schräge Töne“ erwuchs, woraus wiederum in Zusammenarbeit mit dem TdA Jugendmusicals hervorgingen. „Dieses permanente Netzwerkstricken, dieses Zusammenführen verschiedener Institutionen, das macht für mich die Kunstplatte aus.“ Auch der Offene Kanal Stendal gehört längst zu diesem Knüpfwerk.

Was Socha an der Kunstplatte so schätzt, was er alles dort gelernt hat, gibt er heute gern weiter. „Jeder kann da nur gewinnen, aber dafür muss man zusammenarbeiten und auch mal an seine Grenzen geführt werden“, sagt er und fügt lachend hinzu: „Und manchmal braucht‘s da auch den pädagogischen Tritt in den Hintern.“ Doch den akzeptierten viele Kinder und Jugendliche eben eher von ihnen als von den eigenen Eltern. „Man muss geduldig sein und die Kinder und Jugendlichen manchmal auch zu ihrem Glück etwas schubsen. Am Ende wissen sie dann schon, warum.“ Sebastian Socha hat diese Geduld.

Kampf ums Geld ermüdet

Er wird sie auch weiterhin aufbringen müssen, denn bei aller Motivation und Freude am Machen gibt es da etwas, das die Kunstplatte-Mitstreiter mehr und mehr ermüdet: „Der ständige Kampf ums Geld“, sagt Zürcher mit einem Anklang von Resignation und findet: „Jugendarbeit insgesamt müsste Pflichtaufgabe sein.“ Denn ist es für das gute Bestehen einer Gesellschaft etwa nicht enorm wichtig, dass die jungen Menschen darin gelernt haben, sachlich, vernünftig, sozial miteinander umzugehen, dass sie Mut und Selbstvertrauen schöpfen, um ihr eigenes Leben und das ihrer Mitmenschen zu gestalten? Rhetorische Fragen.

Dennoch wirft Zürcher nicht hin. Er ist überzeugt, dass die Kunstplatte, und nicht nur die, den richtigen Weg geht. „Wenn ich die Ergebnisse jedes Mal sehe, wie begeistert die Kinder sind, kriege ich feuchte Augen. Das entschädigt für alles.“

Es sind eben nicht nur vielbeschworene Kompetenzen, die Kunst- und Kulturprojekte wecken und stärken – es ist auch etwas Innerliches dabei, ein Gefühl. Das jedenfalls entnimmt man der Bemerkung Bernd Zürchers, dass die Teilnehmer des Filmprojekts in Grieben sich für ihre Gruppe selbst einen Namen ausgesucht haben: „Film-Family“. Dass das Wort „Familie“ darin vorkommt – bedarf das noch einer Erklärung?

"Kessel Buntes" zum Jubiläum

Wer verstehen will, was es mit dieser Familie auf sich hat, kann am 28. September zur Jubiläumsgala ins TdA gehen – dort gibt es sozusagen einen „Kessel Buntes“ aus 20 Jahren Kunstplatte. Für Bernd Zürcher wird das eine ebenso freudvolle wie wehmütige Veranstaltung: „Es ist für mich ein gewisser Abschluss. Ich gehe 2020 in Rente.“

Die große Feier zum 20-jährigen Vereinsbestehen findet am Sonnabend, 28. September, ab 19.30 Uhr im Theater der Altmark statt. In einer Gala stellen sich zahlreiche Akteure der Kunstplatte und ihre Wegbegleiter von einst und jetzt mit verschiedenen Showeinlagen, Tanz und Livemusik vor. Kostenlose Eintrittskarten gibt es an der Theaterkasse, Tel. 03931/635777.