Stendal l „Die Musik in meiner Jugend war ein großes Abenteuer. Ich bin unendlich dankbar, dass ich diese Zeit erleben konnte.“ Das sagt der heute 72-jährige Gustav Voß, wenn er an die Zeit vor fünfeinhalb Jahrzehnten denkt. In der Nähe von Salzwedel aufgewachsen, zog er im Sommer 1962 nach Stendal. Als 16-Jähriger begann er im September im Raw eine Lehre zum Dampflokschlosser, bezog mit auswärtigen Mitschülern Zimmer im Internat des Betriebes an der damaligen Karl-Marx-Straße, heute die Frommhagenstraße.

Kaum eingelebt, machte sich der junge Gustav auf die Suche nach Gleichgesinnten, nach musikalisch Gleichgesinnten. „Ich habe mich umgehört, ob andere auch Interesse daran haben, eine Band zu gründen“, erzählt er. Musikalische Vorbildung brachte er selbst mit: An der Salzwedeler Musikschule hatte er das Akkordeonspiel erlernt, auch wenn die Stückeauswahl dort nicht immer nach seinem Geschmack war. „Ich musste immer Klassik spielen“, erinnert sich Gustav Voß. Die mangelnde Motivation war eines Tages Thema eines Schüler-Lehrer-Gesprächs, das in der Frage mündete: Was würdest du denn gern spielen? Lange überlegen musste der Musikschüler nicht: damals angesagte Hits wie „Marina“ und „Tiritomba“ sollten es sein. „Die habe ich dann vorgespielt und hatte prompt bessere Noten. Zwei Monate später war ich im Akkordeonorchester.“

Vom Betrieb unterstützt

Mit seiner musikalischen Begeisterung steckte er im Internat einige der Mitlehrlinge an, mit Lothar Thiele (Schlagzeug) und Fritz Ehlers (Gitarre) gründete er eine Jugendtanzkapelle. Wie sie auf den Namen „Tornados“ gekommen sind, weiß Gustav Voß nicht mehr. Er weiß aber noch sehr genau, dass sie gut vom Ausbildungsbildungsbetrieb und der Berufsschule unterstützt worden sind: zum Teil mit Instrumenten, mit Freistellungen (nach Auftritten am Wochenende reichte das Erscheinen am Montag um 10 Uhr), mit Sachleistungen. So wurden die Notenpulte in der Raw-Tischlerei angefertigt.

Geprobt wurde wöchentlich donnerstags, manchmal täglich. Unterstützung gab es von einem Berufsmusiker vom Theater der Altmark.

Und dann gab es auch noch öffentliche Proben im Raw-Kultursaal. „Der war immer rappelvoll, da haben wir auch ein paar Pfennige Eintritt genommen“, erzählt Gustav Voß. Mit einem Beutel voller Kleingeld sind die Musiker dann zur Gaststätte Ludwig weitergezogen – und dort musste immer „Junge, komm bald wieder“ angestimmt werden, das Lieblingslied des Wirtes.

Meist traten die „Tornados“ als Trio auf, manchmal gesellten sich für Auftritte weitere Musiker hinzu. Beim Karneval in Miltern war die Jugendtanzkapelle zu hören, im Klubhaus der Jugend, im Bierkeller, aber auch bei FDJ-Veranstaltungen in Dörfern der Umgebung. Zwei- bis dreimal pro Monat standen die Lehrlinge auf der Bühne. Gespielt wurde, was damals angesagt war: Schlager, Foxtrott, Tango, Walzer, Boogie, überwiegend deutsche Musik oder ausländische Titel mit deutschen Texten.

Obwohl die Texte nicht so wichtig waren, denn die „Tornados“ traten als Instrumentalisten auf. „Aber im Laufe des Abends kam dann doch Gesang von beiden Seiten“, erzählt der 72-Jährige schmunzelnd. „Bei den Auftritten war es immer unser Ziel, die Gäste zum Tanzen zu motivieren.“ Schon nach den ersten Sekunden eines Auftritts habe er gewusst, wie die Stimmung im Saal ist.