Stendal Seit Anfang des Jahres steht Nadine Mewes als Vorsitzende an der Spitze der Wirtschaftsjunioren (WJ) Altmark. Eine Funktion im Ehrenamt, die mit viel Arbeit und teils mehreren Terminen in der Woche verbunden ist.

„Im Schnitt wende ich zwischen 15 und 20 Wochenstunden für die Wirtschaftjunioren auf“, erklärt die 34-Jährige. Gemeinsam mit ihren Vorstands-Kollegen leitete sie die Geschicke des umtriebigen Jungunternehmerverbands, der viele wohltätige Projekte in der Region umsetzt. Zum Team gehört auch ihre Stellvertreterin Anika Brandt.

Unverzichtbare Lebensqualität

Beide Frauen nehmen sich diese Zeit neben Arbeit und Familie: Nadine Mewes hat drei Kinder und führt ein Hotel in Salzwedel, Anika Brandt berät Lebensmittelbetriebe in Hygienefragen und ist Mutter einer vierjährigen Tochter. All das zu vereinen, sei nicht immer einfach, geben die beiden zu. Doch diese Abwechslung bedeute für sie unverzichtbare Lebensqualität.

„Natürlich ist man ständig hin- und hergerissen zwischen den Ansprüchen aus allen drei Lebensbereichen“, erklärt Anika Brandt ihren Spagat, „du tarierst die Prioritäten an jedem Tag für dich neu aus. Brauchst du heute mal einen Abend zu Hause bei der Familie? Kannst du eine Stunde früher von der Arbeit weg? Lässt sich ein Wirtschaftsjunioren-Termin auch telefonisch erledigen? Und so weiter.“

Kinder sind dabei

Während sie spricht, wirft die 32-Jährige Äpfel in eine große Mostpresse. Sie packt gerade bei einem WJ-Projekt mit an, das Kindergartenkindern zugute kommt. Einige der Früchte haben sie und weitere engagierte Helfer gesammelt. Mit dabei war ihre kleine Tochter. Ebenso wie Nadine Mewes und zwei ihrer Kinder. „Die Wirtschaftsjunioren sind Führungskräfte, die es sich unter anderem zum Ziel gesetzt haben, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in ihren Unternehmen zu fördern. Das muss dann natürlich auch für das Vereinsleben gelten“, stellt Nadine Mewes fest.

Bei Gelegenheiten, zu denen es passt, sind die Kinder eben mal mit dabei. Vorstandssitzungen, die sich durchaus fünf bis sechs Stunden hinziehen könnten, finden mittlerweile auch regelmäßig vormittags statt, damit der Abend frei bleibt für die Familie. Oder auch mal im Garten eines Vorstandsmitglieds, sodass zwischendurch gemeinsam gegessen werden kann. Dasselbe gelte auch für die Partner, ohne deren Unterstützung der Spagat auf keinen Fall möglich wäre, wie beide Frauen betonen.

Freundschaften

Auf der anderen Seite genieße aber auch jeder seinen Freiraum und seine eigene Qualitätszeit, was der Partnerschaft durchaus zugute komme. „Mein Mann ist Küchenchef bei uns im Hotel. Wir sind also auch auf der Arbeit fast immer zusammen. Das Engagement bei den Wirtschaftsjunioren ist das, was ich für mich habe“, erklärt Nadine Mewes. Ihr Mann wisse, wie wichtig ihr das sei.

Und dann käme ja noch ein ganz entscheidender Punkt dazu: „Zu etlichen Mitgliedern sind mittlerweile gute Freundschaften entstanden. Das gemeinsame Anpacken ist also immer auch ein Treffen mit lieb gewonnenen Menschen, die mir guttun – nur eben mit etwas Arbeit dabei.“

Intensive Mama-Zeit

Die gebürtige Dresdenerin ist vor 15 Jahren in die Altmark gekommen. „Wirklich zu Hause fühle ich mich hier aber erst, seitdem ich in diesem Netzwerk aktiv bin“, betont sie. Das Miteinander mit ihren Verbandskollegen genießt auch Anika Brandt – und ihre Tochter die intensive Zeit mit ihrem Papa. „Wenn ich beruflich oder im Rahmen der Wirtschaftsjunioren unterwegs bin, haben meine Tochter und mein Freund ihre wertvolle Zeit zu zweit. In anderen Momenten nehmen wir uns dann wiederum intensive Mama-Zeit. Das funktioniert sehr gut“, sagt Anika Brandt.

Einer der größten Schmerzpunkte bei dem Versuch, Familie, Beruf und Ehrenamt zu verbinden, seien ohnehin weniger die innerfamiliäre Organisation und Zeitaufteilung, machen die engagierten Geschäftsfrauen deutlich, sondern der Druck von außen. „Egal, für welche Priorität du dich in diesem Moment entscheidest, du machst dich immer angreifbar“, beschreibt Anika Brandt das Problem und fügt hinzu: „Das Gefühl abzulegen, sich dafür rechtfertigen zu müssen, ist nicht immer leicht.“

Unangemessene Kommentare

Das Bild einer Mutter, die neben der Familie auch einen anspruchsvollen Job meistert und sich obendrein Zeit für eine Herzensangelegenheit nimmt, scheine noch immer vielen Menschen negativ aufzustoßen. Mit unangemessenen Kommentaren wurde auch Nadine Mewes schon häufig konfrontiert.

„Von den Befindlichkeiten Anderer muss man sich einfach lösen“, ist sie mittlerweile überzeugt. „Andere sehen vielleicht, dass ich mal wieder einen Tag nicht zu Hause bin oder bis spät abends arbeite. Aber zum Beispiel nicht, dass ich mir als Selbstständige zu einem anderen Zeitpunkt auch die Freiheit nehmen kann, für meine Familie da zu sein. Zugegebenermaßen brauchte es aber auch eine Weile, bis ich über solchem Gerede stehen konnte.“

Nicht zuletzt deshalb ist es beiden umso wichtiger, ein präsentes Gegenbeispiel dazustellen und auch andere Frauen zu ermutigen, sich neben Familie und Job die Zeit für ihre Herzensprojekte zu nehmen. „Nur so werden wir solchen Vorurteilen langfristig etwas entgegensetzen können“, ist sich Nadine Mewes sicher. Gerade die Wirtschaftsjunioren Altmark, die mit mehr als 60 Mitgliedern die Stimme der jungen Wirtschaft in der Region darstellen, könnten und wollten dazu ihren Beitrag leisten.