Stendal l Als Kerstin Haider aus dem Haus kam – es war ein Dienstag Mitte Juni – musste sie zweimal hinschauen, um zu erkennen: Das schwarze Etwas mitten auf dem Rasen war eine Katze. „Total entkräftet, mehr tot als lebendig, sicherlich dehydriert“, schildert die Tangerhütterin ihren ersten Eindruck.

Wie alt das Tier ist, kann sie zu diesem Zeitpunkt kaum schätzen. Es ist zu sehr abgemagert. Zwölf, vielleicht auch 14 Wochen? Kerstin Haider bringt sie erst mal in ihrer Garage unter, außer Reichweite ihrer eigenen beiden erwachsenen Stubentiger, die einen „Rivalen“ im Revier wohl kaum akzeptieren würden, befürchtet sie. „Zwei Tage hat die Kleine nur gefressen und geschlafen.“

34 Tiere und viele traurige Geschichten

Dann, die schwarze Jungkatze scheint wieder halbwegs bei Kräften, aber aus Sicht von Kerstin Haider noch nicht fit für ein Leben draußen, ruft sie im Stendaler Tierheim an. Ob das Tier aufgenommen werden kann? Im Moment nicht, vielleicht in zwei Tagen. Man einigt sich. Vorerst bleibt die Katze in der Obhut der Haiders. Doch auch nach besagten zwei Tagen wird sie die herrenlose Katze nicht im Tierheim los. Aufnahmestopp. Kein Platz mehr frei auf der Quarantäne-Station.

Tierheimleiterin Antonia Freist öffnet die Tür zum Futtergang der Quarantäne-Station. Der erste Raum ist das sogenannte Familienzimmer, derzeit bewohnt von einer Katze mit ihren vier Welpen. Hochtragend saß die Katze vor ein paar Wochen am Zaun des Tierheims, augenscheinlich ausgesetzt. Ihr Wurf kam auf der Quarantänestation zur Welt.

Nächstes Zimmer. Boxen links und rechts an den Wänden. In einer ein stattlicher rot-weißer Kater. Mit fünf weiteren Katzen und vier sehr jungen Welpen kam er aus einem Messie-Haushalt hier her.

Auch in den Boxen der anderen Räume Katzen, von denen jede eine traurige Geschichte zu erzählen hätte. 34 sind es insgesamt, die auf der Quarantänestation inklusive der Pflegestellen derzeit untergebracht sind. Kapazität erschöpft, Aufnahmestopp.

Sechs Wochen Quarantäne

Mindestens sechs Wochen müssen die Tiere bleiben, vorausgesetzt, sie sind gesund. Oft aber werden sie mit Schnupfen, Schwellungen, Verletzungen gefunden. Das verlängert den Aufenthalt auf der Quarantänestation teils um Wochen. In dieser Zeit bekommen die Katzen zwei Grundimunisierungen, werden entwurmt, entfloht und – wenn sie alt genug dafür sind – kastriert beziehungsweise sterilisiert.

Danach ziehen sie um ins Katzenhaus. In der Hoffnung auf Adoption in einen dafür geeigneten Haushalt. Aber auch hier ist die Kapazität begrenzt. Im Optimalfall können 84 Katzen aufgenommen werden. Sind Tiere darunter, die einzeln gehalten werden müssen, verringert sich die Zahl der Plätze. Und auch in diesem Haus ist derzeit nicht mehr viel Luft nach oben. „Im Sommer könnte es drei Tierheime im Landkreis geben, und auch das würde wahrscheinlich noch nicht reichen, um alle Tiere aufzunehmen“, schildert Antonia Freist die Situation.

Die Ursachen dafür sind schnell benannt. Vor allem in den ländlichen Gegenden gibt es sehr viele freilebende Katzen. Falsch verstandene Tierliebe, zum Beispiel das regelmäßige Füttern dieser Tiere, ist einer der Gründe, warum sich diese Katzen prächtig vermehren.

10 000 Euro für Kastrationen

„Tangerhütte ist einer unserer Schwerpunkte“, sagt Tierheimleiterin Freist mit Blick auf Kastrations– aktionen, die der Altmärkische Tierschutzverein, der auch Betreiber des Tierheims am Stendaler Stadtrand ist, durchführt. Freilebende Katzen werden eingefangen, auf Kosten des Tierschutzvereins kastriert und wieder in ihren angestammten Revieren ausgesetzt. „10 000 Euro gibt der Tierschutzverein in jedem Jahr für Kastrationen freilebender Katzen aus“, nennt Antonia Freist eine Zahl.

Allerdings ist das, was die Tierschützer da bisher leisten können, nicht viel mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. „Die Kommunen in Sachsen-Anhalt sind berechtigt, eine Kastrationspflicht einzuführen, das wäre für die freilebenden Populationen sehr wichtig und eine große Erleichterung für den Tierschutzverein“, stellt Antonia Freist in den Raum. Leider täten das die Kommunen im Landkreis Stendal nicht, auch Tangerhütte nicht.

Apropos: In dem kleinstädtischen Ort im Süden des Landkreises gab es vor Jahren eine Auffangstation für Katzen. Sollte die Kommune Möglichkeiten finden, eine solche wieder einzurichten, hätte sie im Tierheim einen dankbaren Partner. „Die medizinische Versorgung der Tiere würden wir übernehmen“, bietet die Tierheimleiterin an.

Happyend für Findelkind

Die Tangerhütterin Kerstin Haider, die durch mehrere Telefonate mit Tierheimleiterin Freist nun auch deren Probleme kennt, war indes nicht untätig. Das Ordnungsamt ihrer Einheitsgemeinde mit ins Boot zu holen – angedacht war, wenigstens das Muttertier ihres Pfleglings einzufangen und über das Tierheim kastrieren zu lassen – gelang ihr bis gestern Mittag noch nicht.

Für die von ihr wieder aufgepäppelte Jungkatze hat sich das Blatt inzwischen aber zum Guten gewendet. Freunde der Familie, die Haiders dieser Tage besuchten, haben sich in das kleine schwarze, inzwischen fast schon zahme Findel sofort verliebt, erzählt Kerstin Haider. Das neue Zuhause der Katze wird sich im Brandenburgischen befinden.

Das freut auch die Stendaler Tierheimleiterin. Leuten, die mit dem Gedanken spielen, sich eine Katze zum Hausgenossen zu machen, lädt Antonia Freist ein: „Besuchen Sie uns und schauen sich bei uns um. Es lohnt sich.“

Weitere Infos telefonisch unter 03931/21 63 63 oder im Internet unter www. tierheim-stendal-borstel.de