Tangermünde l Der Weihnachtsbaum steht bereits im Wohn- und Esszimmer. Er ist geschmückt und leuchtet. „Jeden Abend dürfen wir ihn anmachen“, sagt Sophie (10). Lukas, der Älteste in der Gruppe, die unter anderem von Vanessa Ebeling (24) betreut wird, hat dafür gesorgt, dass dieser Baum überhaupt hier steht. „Ich war zweimal mit dem Hausmeister draußen“, berichtet er. Gemeinsam hätten sie auf der Baumplantage Bäume ausgesucht und selbst abgesägt. „Eigentlich wollte ich die Blautanne haben. Die war viel schöner. Doch die steht jetzt in einer anderen Gruppe“, sagt er etwas betrübt, hat sich aber inzwischen mit der Fichte arrangiert.

Damit es in den vergangenen Wochen auch für diese Mädchen und Jungen, acht sind es in der Gruppe im blauen Haus, so richtig gemütlich weihnachtlich wurde, hatten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Adventsprogramm ausgedacht. Die Kinder nähten selbst an Nähmaschinen Zipfelmützen, besuchten den Tangermünder Weihnachtsmarkt. Sophie und Sophie, bei den Stadtführerkindern aktiv, unterstützten die Aktionen am Putinnenturm mit. Und als Mitglied der Singegruppe, die von Vanessa Ebeling und Marion Schneider geleitet wird, gestalteten sie vier Programme in anderen DRK-Häusern im Landkreis mit. Zum Advent gehörte aber auch das Plätzchenbacken. „Oh ja, das hat Spaß gemacht“, erinnert sich Sophie (10) und strahlt. Sie zählt auf: „Wir haben Zimt- sterne, Kokosmakronen, Schüttelkekse, Marmeladenkekse, und Lebkuchen gebacken.“ Die gab und gibt es natürlich für alle, aber auch für das Adventskaffee mit den Eltern waren sie bestimmt. „Das findet jedes Jahr statt. Alle Eltern sind eingeladen. Doch nur zwei Eltern waren in diesem Jahr da“, bedauert Vanessa Ebeling. Sie weiß, wie sehr sich die Kinder wünschen, ihre Eltern zu sehen.

Sechs Jahren nicht mehr zu Hause

Besonders Lukas ist es, der sich die Verbindung zu seinen Eltern wünscht, sie seit mittlerweile sechs Jahren nicht mehr zu Hause besuchen durfte. Und das macht ihn vor allem Weihnachten und auch an seinem Geburtstag traurig. „Doch wir geben uns die größte Mühe, es hier so schön wie nur möglich zu machen“, macht Vanessa Ebeling deutlich. Sie selbst hat ihre Kindheit und Jugend in dieser Einrichtung verbracht, hat hier für ihr Leben gelernt und in einer Patenfamilie erfahren, wie dort Weihnachten gefeiert wird. „Deshalb denke ich, dass bei uns Weihnachten fast genauso gefeiert wird, wie bei vielen anderen auch“, ist sie überzeugt.

Dann berichten Lukas und die Mädchen, die bereits einige Heilige Abende gemeinsam erlebt haben, wie dieser Tag für sie abläuft. Die Geschenke gibt es am Nachmittag. „Wir machen gemeinsam einen kleinen Weihnachtsspaziergang“, erzählt die Erzieherin. „Komischerweise vergisst Frau Ebeling dabei immer ihr Handy und muss noch mal kurz ins Haus zurück“, erzählt Lukas verschmitzt. Während des Spaziergangs bestaunen sie die geschmückten Fenster und Vorgärten, die Vorfreude wird größer. Kommt die Gruppe nach der Runde an frischer Luft zurück, „dann liegen die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum“, sagt Sophie (8) und strahlt. Ruhig und gesittet werden die Geschenke an die Kinder ausgegeben. „Wir machen noch Fotos von jedem Kind für deren Fotoalben“, sagt Vanessa Ebeling. Dann dürfen die Geschenkpapiere aufgerissen werden. Die achtjährige Sophie wünscht sich in diesem Jahr ein Puppenbett, die Zehnjährige „unbedingt einen USB-Stick“. Jedes Kind hat ein Radio mit USB-Anschluss und auf diesem Stick speichern die Kinder ihre Musik oder auch Hörgeschichten. Lukas wünscht sich einen Feuerwehr-Rüstwagen. Das und mehr haben sie auf Wunschzettel geschrieben oder aufgeklebt und an den Weihnachtsmann geschickt.

Der Augenblick nach dem Spaziergang

Ob die Wünsche immer in Erfüllung gehen werden, ist vom Preis abhängig. „Wir haben ein Budget je Kind“, erzählt Vanessa Ebeling. Das sei für jedes Kind gleich hoch. Doch nicht jeder Wunsch sei damit erfüllbar. Deshalb warten die drei, die am Heiligen Abend definitiv in der Gruppe die einzigen sein werden, die nicht zu Hause sind, sehnsüchtig auf den Augenblick.

Mit den neuen Spielsachen an der Seite gibt es am Abend für die Kinder Kartoffelsalat und Würstchen. Und mit einem Weihnachtsfilm, der für alle Altersklassen gestattet ist, geht es in den Abend dieses besonderen Tages. Während Lukas und die achtjährige Sophie alle Weihnachtstage im Heim verbringen werden, darf die Zehnjährige am ersten und zweiten Weihnachtstag tagsüber mit ihren Geschwistern zu Hause sein. „Ich freue mich darauf, dass meine Mutti kommt“, sagt sie. „Und ich freue mich, dass sie mit ihren Geschwistern nach Hause darf“, gesteht Lukas, wird dabei zugleich wieder nachdenklich und traurig. Für die achtjährige Sophie ist das Fest im Heim hingegen scheinbar noch unproblematisch. „Ich freue mich“, sagt sie in Erwartung auf das, was der Weihnachtsmann für sie bringen wird.

Da Lukas und Sophie allerdings nicht die einzige Kinder im gesamten Kinder- und Jugendhaus sein werden, die am ersten und zweiten Weihnachtstag nicht nach Hause dürfen, werden am Tage Gruppen zusammengelegt. „Das ist die Chance für Lukas, auch einmal andere Filme gucken zu dürfen“, berichtet Vanessa Ebeling. Denn im Alltag müsse Lukas immer Rücksicht auf die Jüngeren in seiner Gruppe nehmen. Kommen zum Fest Bewohner aus der Trainingswohngruppe hinzu, sei es für den Zwölfjährigen durchaus möglich, auch mal mit Älteren etwas anderes zu erleben.

„Am Heiligabend bin ich sehr gern hier bei den Kindern, weil das hier ja meine Familie ist“, erzählt Vanessa Ebeling. Der Wunsch, selbst einmal für Kinder ohne zuverlässiges Zuhause da zu sein, habe sehr früh für sie festgestanden. „Grit Asmus war meine Bezugserzieherin“, erinnert sie sich. Und diese Beziehung sei es unter anderem gewesen, die ihren Berufswunsch geprägt hätte.