Stendal l Wegen Schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in Tateinheit mit Missbrauch von Schutzbefohlenen in sechs Fällen hat das Landgericht Stendal einen 54-Jährigen aus einem Ort im Westen des Landkreises zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Jugendschutzkammer unter Vorsitz von Richter Ulrich Galler sah es als erwiesen an, dass sich der Angeklagte als damaliger Lebensgefährte der seinerzeit in Tangerhütte lebenden Kindesmutter in den Jahren 2002 bis 2006 an deren zu Beginn sechs- bis siebenjährigen Tochter verging. Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten jeweils fünfeinhalb Jahre gefordert.

Der Verteidiger hatte nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ auf Freispruch plädiert. Für das Gericht gab es aber keinen Zweifel. Das Urteil beruht allein auf der Aussage des Opfers, der heute 23 Jahre alten jungen Frau als einziger Zeugin.

„Ihr ist zu glauben“, sagte Richter Galler in der Urteilsbegründung. Das habe das vom Gericht in Auftrag gegebene Gutachten der bekannten Berliner Aussagepsychologin Dorothea Pierwoß betreffs der Glaubwürdigkeit der Zeugin und Glaubhaftigkeit ihrer Aussage eindeutig ergeben.

 „Der Angeklagte war der Täter, es gibt kein Motiv für eine Falschaussage“, zeigte sich das Gericht überzeugt. „Ohne direkte physische Gewalt anzuwenden, hat er die elterliche Macht ausgespielt."

Die Anwältin, die das Opfer im Prozess als Nebenklägerin vertrat, ging „als Stimme des Opfers“ noch einen Schritt weiter: „Der Angeklagte hat dem Mädchen die Kindheit gestohlen.“ Bis heute habe die junge Frau das Geschehen psychisch nicht verarbeitet, „sie sucht die Schuld bei sich selbst“, sagte die Opfer-Anwältin in ihrem Plädoyer.

Mutter will von allem nichts gewusst haben

Die heute 23-Jährige hätte mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich und würde zur Selbstverletzung neigen. Das Opfer sei ein freundliches, aufgeschlossenes und bis zu seiner Einschulung wohlbehütetes Mädchen gewesen, hieß es im Plädoyer der Staatsanwaltschaft.

Der Angeklagte sei mit seinen „verwerflichen Taten Wegbereiter seines Nachfolgers“ geworden. Denn der ihm folgende Lebensgefährte der Kindesmutter hat das Mädchen von 2007 bis 2013 in Stendal und anderenorts weitere 13-mal missbraucht.

Dafür war dieser schon im Jahr 2017 vom Landgericht Stendal zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden.In dem seinerzeit zumeist unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Prozess war erstmals die Rede davon gewesen, dass das Mädchen schon vom ersten Stiefvater, dem aktuellen Angeklagten, missbraucht wurde.

Gleichwohl zogen sich die Ermittlungen noch fast zwei Jahre hin. Wegen überlanger Verfahrensdauer würden vier Monate der viereinhalbjährigen Freiheitsstrafe als verbüßt gelten. Damit sei der Angeklagte „bestens weggekommen“, erläuterte Richter Galler.

Strafmilderungsgründe hatte das Gericht keine gefunden. Das Mädchen hatte sich im späten Pubertätsalter sowohl Freunden als auch Arbeitskollegen in der Lehre offenbart.

Unternommen hatte aber wohl niemand etwas. Auch nicht die Mutter, die Aussagen von Zeugen zufolge, darunter auch Ärzte, schon zu einem frühen Zeitpunkt vom Missbrauch wusste. Das hatte sie aber als Zeugin vor Gericht bestritten.

„Die Mutter hat hier nicht alles gesagt, um sich selbst zu schützen“, sagte Richter Galler in der Urteilsbegründung. Der Angeklagte hatte bis zum Schluss in seinem letzten Wort vor der Urteilsfindung die Tatvorwürfe bestritten. Zum ursprünglich angesetzten Prozessauftakt war er nicht erschienen.

Darum hatte das Gericht ihn suchen und bis zum Prozessende in der JVA Burg inhaftieren lassen. Als freier Mann konnte er allerdings das Landgericht am Dom verlassen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Berufung und Revision dagegen sind innerhalb einer Woche möglich.