Stendal l Es sind Zahlen von historischem Ausmaß, die am Freitag veröffentlicht worden sind. Noch nie haben mehr Menschen den beiden großen Konfessionen den Rücken gekehrt als im Jahr 2019. 270 000 Menschen traten nach Angaben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus, die katholische Kirche verlor 216 000 Mitglieder. Die Altmark hingegen trotzt diesem Trend. Die Menschen in der Region verlassen weder die evangelische noch die katholische Kirche in Scharen.

„Was die Austritte angeht, liegen wir unter dem Deutschland-Trend. Da sind wir sogar einigermaßen stabil“, sagt Michael Kleemann, Superintendent des Kirchenkreises Stendal, der zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gehört. Seit Jahren liegt die Zahl der Austritte im unteren dreistelligen Bereich. 191 waren es 2019.

Deutlich mehr Sterbefälle aus Taufen

Obwohl also keine Massenflucht zu erkennen ist, schrumpfen die Gemeinden dennoch. In den vergangen vier Jahren sank die Zahl der Mitglieder des Kirchenkreises von gut 22 000 auf 20 000. Woran liegt das?

In der Region spiele der demografische Faktor dagegen eine viel größere Rolle, nennt Michael Kleemann den Grund. Es gebe seit Jahren deutlich mehr Sterbefälle als Taufen in den Gemeinden. Ändern wird sich daran mit hoher Wahrscheinlichkeit wenig.

Die Entwicklung könnte finanzielle Auswirkungen zeitigen. Je weniger Menschen sich zum Glauben bekennen, desto geringer fallen die Einnahmen aus der Kirchensteuer aus. An dieser Stelle gibt der Superintendent jedoch Entwarnung.

Glücklicherweise sei man in den neuen Bundesländern bei der Finanzierung nicht in erster Linie von der Abgabe abhängig. Die geringeren Mitgliederzahlen würden in dieser Hinsicht nicht unmittelbar durchschlagen. „Die Kirchensteuer ist natürlich ein wichtiger Baustein, aber nicht der einzige. Dank des kirchlichen Grundbesitzes haben wir zum Glück noch andere Möglichkeiten, um Einnahmen zu erschließen. Das ist in den alten Ländern oft nicht der Fall, weil man dort in den 70er Jahren das Tafelsilber oft verkauft hat“, erklärt Michael Kleeman.

Obwohl sich die Situation im Kirchenkreis damit vergleichsweise positiv darstellt, beschäftigt den Superintendenten, wie man der Entfremdung der Menschen von der Kirche entgegenwirken kann. „Wir müssen die Frage stellen, wie relevant die Kirche im persönlichen Leben der Menschen noch ist. Und mit welchen Mitteln wir sie am besten erreichen können.“

Sprecherin: „Jeder Austritt schmerzt“

Ähnlich äußert sich Susanne Sperling von der Pressestelle des Bistums Magdeburg. Denn an der katholischen Kirche geht die Entwicklung genauso wenig spurlos vorüber. 975 Katholiken aus dem Bistum traten 2019 aus. 110 davon kamen aus dem Dekanat Stendal. Zwar habe es schon Jahre mit höheren Austrittszahlen gegeben, dennoch schmerze jeder einzelne. „Wir müssen uns fragen, ob wir in unserer Zeit und mit unserer Sprache noch verstanden werden“, so die Pressesprecherin.